Zeitreise

28 Jan 2016 / By  / IN Menschen, Orte, Über mich / gallery

Bevor ich nach Kenia geflogen bin, war ich mit meinen Freunden über Silvester in Dänemark. Dänische Nordseeküste. Søndervig. Ein Haus mitten in der Düne. Wind. Kälte und nachmittags die tiefstehende Sonne zwischen den Wolken. Genau mein Ding. Und, weil es so herrlich entspannt war, konnte ich mal ein paar Dünenlandschaften knipsen. Als ich da so auf der Düne stand und Richtung See schaute, kam mir einer meiner Lieblingsgedanken in den Sinn.

Wir schreiben das Jahr 2067. Es ist Winter. Der Student sitzt mit 3 Mitstreitern im Zug nach Dänemark. Er steht kurz vor dem Abschluss seines Journalismusstudiums in Leipzig und organisiert im letzten Semester für seine Kommilitonen eine kleine Studienreise.

Vor ein paar Wochen waren sie bei einem Gastprofessor für Sprachgeschichte zur Vorlesung. Er hat lang in Kanada gelebt und referiert über die Entwicklung der Sprache im damals noch jungen, digitalen Zeitalter. Zu seiner Zeit gab es zum Beispiel noch unmengen an Büchern. Die Digitalisierung hat aber damals schon viele Schreiberlinge ins Internet getrieben. Viele Kurzgeschichten wurden in sogenannten Blogs festgehalten. Bilder und Texte. In einem Seminar stellt er den Studenten einige Blogger aus der damaligen Zeit vor und erteilt die Aufgabe, über diese Leute zu berichten. Sie sollen recherchieren und die alte Garde ausfindig machen. Relikte, die mit analogen oder digitalen Kameras, durch die Welt gezogen sind und versucht haben, die tägliche Bilderflut zu bewältigen und besonders zu sein. Er zeigt ein paar sogenannte Homepages und Blogs. Mit WordPress erstellt. Aus heutiger Sicht unvorstellbar. Ein Schmunzeln huscht über die Gesichter im Hörsaal. Dann tauchen aber Bilder und Geschichten auf, die trotz veralteter Technik, unglaublich schön sind. Food, Lifestyle, Reisen, Stadteile, Fashion, Fotografie und was es sonst noch für tolle berichtenswerte Sachen gab. Während des Vortrags taucht die Seite des Hutmanns auf. Ein damals junger Fotograf zu dem der Professor eine bis heute andauernde Freundschaft pflegt. Der Blog gefällt dem Student. Irgendwie juckt es in den Fingern. Was wohl aus dem geworden ist? Er meldet sich und möchte gern über den Hutmann berichten. Der Professor nickt.

Im Zug werten die Jungs und Mädels ihre ersten Recherchen aus. Nachdem der Student herausgefunden hatte, wo der Hutmann heute lebt, war das die perfekte Sache zum Abschluss des Semesters nach Dänemark zu reisen und nebenbei noch ein bisschen abzuspannen. Mit dem Bus kommen sie bis auf ein paar hundert Meter an das Haus heran. Ein Däne erklärt ihnen den Weg durch die schöne Dünenlandschaft. Irgendwie spüren sie etwas Aufregung in sich aufsteigen. Was wird der gute Mann wohl sagen, wenn spontan irgendwelche Studenten aus Leipzig vor seiner Tür stehen, um ein Interview zu machen. Sie haben gelesen, dass er bis vor ein paar Jahren noch Wanderungen durch die Dünen organisiert hat. Aber das scheint schon eine Weile her zu sein. Sie stehen auf dem letzten Hügel vor dem Wasser. Rechts unter ihnen steht ein ziemlich altertümliches Haus. „Die meisten Häuser hier sind um das Jahr 2000 gebaut wurden!“, meint der Student. Erstaunte Gesichter. Kaminschornsteine haben sie schon lang nicht mehr gesehen. Es scheint wohl jemand da zu sein. Eine dänische Dame macht ihnen auf. Die Haushälterin sagt, dass die Hausherren spazieren, sie aber gleich zurück sein müssten. Die Gruppe soll einfach auf der Terrasse warten. Sie denkt wahrscheinlich, dass es eine übliche Wandergruppe ist. Sie beschließen schonmal ein paar Fotos zu machen. „Hier hat aber lang kein Fremder fotografiert!“ ruft ein alter Mann. Erschrocken schauen sich alle um. Sie haben den Mann gefunden. Hut trägt er auch. Grauer Bart und relativ gut in Schuss für seine 80 Jahre. Nachdem der Student das Wort ergriffen hat und den Anlass des Besuchs erklärt, grinst der Hutmann. „Kommt rein. Lasst uns ein Bierchen trinken und ich erzähle euch, was ihr wissen wollt!“ Er organisiert der Runde aus Leipzig einen Bungalow in der Nähe. Sie sitzen bis tief in die Nacht zusammen. Schauen Fotos an und hören den Geschichten aus alten Zeiten zu. Am nächsten Tag bitten Sie um eine kleine Fotowanderung und abends wollen sie noch ein bisschen Auswertung etc. machen und das Interview durchgehen. „Mit eurem Professor bin ich früher zur Schule gegangen! Habe ihm vorhin schon von euch berichtet. Er sagt, ihr seid anständig!“ Der Hutmann lacht und hebt das Bierglas. Das dänische Bier hat er längst durch deutsche Importware ausgetauscht.

Sie schauen sich die gemachten Bilder an. Der Student zeigt sein Lieblingsbild. Der alte Hutmann schaut neben seinen Kameras durch das Fenster seines kleinen Atelierzimmers. Er sieht seine Dünen und die Nordsee. Die Sonnenstrahlen zeichnen sich durch den feinen Staub ab, der durch die Leute im Zimmer aufgewirbelt wurde. Man sieht sein Grinsen und die Erinnerungen in seiner Mimik. Sie fragen, ob es möglich sei die Hütte noch ein paar Tage zu verlängern. Sie wollen Silvester hier oben bleiben. „Gute Idee. Mitternacht müsst ihr auf die Düne. Eigentlich ist Feuerwerk in Dänemark verboten. Überzeugt euch selbst!“ Er schmunzelt und zupft sich kurz am Hut, verabschiedet sich und verschwindet in seinem Haus. Nach drei Tagen geht es dann zurück nach Leipzig. Der Student weiß, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat. Guter Auftakt für 2016.

 

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