Unerheblichkeit

18 Mai 2018 / By  / IN Menschen, Orte, Über mich / gallery

Liverpool. Anfield Road. Es ist Samstagnachmittag und die wichtigste Zeit auf der Insel. Matchday, wie man so schön sagt. Natürlich geht es um Fussball. Das bestimmende Thema, neben royalen Hochzeiten und dem Brexit. Aber eigentlich geht es hier um etwas anderes und dazu muss ich nochmal auf die Färöer Inseln zurückkehren. Die letzten Wochen waren wieder sehr reiselastig und ich muss erstmal in Ruhe alles verarbeiten. Ich habe mir über Sehnsüchte Gedanken gemacht. Was treibt die Menschen an. Was bewegt sie. Wo sehen wir uns und vor allem die Frage: Was verdammt nochmal macht uns glücklich? Was brauchen wir um diesen Zustand zu erreichen, dessen streben danach manche ihr ganzes Leben beschäftigt. Manche fallen mit Entscheidungen auf die Nase, stehen auf und machen weiter. Wiederum andere verwirklichen sich in ihrer Arbeit und der nächste Typ Mensch braucht einen kleinen Scheißer Zuhause, um genau das zu erfahren. Glück. Es ist sicherlich eine Defintionssache und vor allem ist es eine individuelle Kombination an Faktoren, die uns glücklich sein lassen.

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Die Frage ist: Wie kombiniere ich das und woher weiß ich denn, was ich möchte? Diese ganzen Fragen gehen mir durch den Kopf, während ich versuche diesen Hügel zu erklimmen. Einer meiner Reisebegleiter in den letzten Wochen meinte so aus Spaß: „Man muss sich auch immer mal umdrehen! Dann hat man eine völlig neue Perspektive!“ Machen wir auch und schauen uns den zurückgelegten Weg an. Wir lachen drüber, weil es so ein typischer Spruch aus der Gartenanlage sein könnte. Aber irgendwie steckt da mehr drin. Ganz unbewusst stehe ich also kurz vor dem höchsten Punkt dieses Anstiegs. Links neben mir ragen diese unfassbaren Felsformationen aus dem Wasser. Rechts der benachbarte Berg. Vor mir die Spitze und der dahinterliegende Abstieg. Ich drehe mich also rum und schaue direkt in die Sonne. Die Vögel fliegen unter mir und diese atembraubende Landschaft fesselt mich. Ich weiß gar nicht, was ich zuerst machen soll. Fotos. Genießen. Staunen. Laufen. Pause. Am besten alles auf einmal. Noch ein paar Meter. Durch die vielen Schichten Klamotten muss ich ganz schön pumpen. Kann aber auch an den drei Guinness vom Vorabend liegen. Noch zwei, noch ein Schritt. Ich stehe oben. Auf einem kleinen Felsvorsprung. Es geht zu drei Seiten extrem steil und tief nach unten. Ich halte meine Nasenspitze über die Felskanten. Schaue auf und schreie so laut ich kann. Mit dem Gefühl im Bauch, dass ich einen Sehnsuchtsort erreicht habe und mich erfülle, bin ich gerade sehr bei mir. Bauch, Herz und Kopf. Wenn ich meine drei Faktoren berücksichtige und mich um jeden davon kümmere, lässt sich das sehr einfach kombinieren. Es ist dann schlicht dieser Moment, in dem ich mich befinde. Ich fühle mich gerade sehr glücklich hier oben auf dem Felsen.
Der Abstieg ist durch den Schnee so kompliziert, dass ich mich erstmal nicht weiter damit beschäftigen kann, sondern zusehen muss wieder heil vom Berg runterzukommen. Die Färöer Inseln sind nämlich einfach zu verstehen. Du musst an jeder Ecke mit allem rechnen, was die Natur zu bieten hat. Das schärft die Sinne.
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Kehren wir also nach Liverpool zurück. Wir stehen vor dem Flatiron Pub in Sichtweite zu einem der wohl berühmtesten Orte auf dem Planeten. Die legendäre Anfiel Road. Wenn man es nüchtern betrachtet, sehen wir: Ein mittelmäßig schönes Stadion, dass im Laufe der letzten Jahrzehnte aus- und umgebaut wurde. Schicht für Schicht verändert. Mit 57000 Plätzen ein großes aber kein Riesenstadion. Liverpool an sich. Naja, ich habe schon schönere Städte gesehen. Was hat das aber mit Sehnsucht, Glück, Kopf, Bauch und Herz zu tun? Einfach alles. Dieser Ort ist magisch. Es ist das Herz der Stadt. Everton-Fans sehen das nicht ganz so aber hier schlägt die Seele dieser Gegend. Jeder hat seine eigene Geschichte zu dem Club und jeder hat seine eigene Sehnsucht, die in diesem Stadion brutal verdroschen wird. Weil die Reds auf die Mütze bekommen. Oder einfach weil du sprachlos bist, wenn 57000 Menschen ein Lied singen, dass hier eher eine Hymne und Religion ist und du dich danach 90 Minuten im Rausch befindest. Wenn du den Leuten hier in die Augen schaust, dann siehst du was es bedeutet, wenn Leute etwas lieben. Bedingungslos. Und wenn ich das auf alles andere in unserem Leben übertrage. Da macht vieles Sinn. Es spielt keine Rolle, ob ich auf diesem Berg stehe, ob ich ins Stadion meines Lieblingsclubs gehe, meine Lieblingsband höre oder mit Freunden oder Familie Zeit verbringe. Bei sich zu sein und auf seine innere Stimme zu hören. Dann kannst du jeden noch so kleinen Pupsmoment zu einem Spiel an der Anfield Road machen. Unerheblich wie es ausgeht.
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