Road Trippin

04 Dez 2017 / By  / IN Menschen, Orte, Über mich / gallery

Die Schatten wechseln sich in tickender Geschwindigkeit mit den einfallenden seitlichen Lichtstrahlen ab. Klack. Klack. Klack. Wenn sich das Auge kurz an das Gegenlicht gewöhnt hat, schimmert die Riviera durch. Das türkisblaue Meer. Die goldene Küste mit der rohen Kulisse von Genua. Die Stadt liegt mittlerweile schon ein paar Kilometer hinter uns. Nach jeder Kurve wird sie kleiner. Ich bemühe mich, die Erinnerungen an die letzten 48 Stunden zu speichern. Sie nicht loszulassen ist die Kunst. Wir fahren durch einen dieser unzähligen seitlich offenen Tunnel und durch das geöffnete Fenster rauscht die Zeit vorbei. Die Kings of Leon begleiten uns durch das Radio. Immer wieder sind wir einfach nur still und genießen unsere Tour. Ich mag diesen Wechsel aus Licht und Schatten. Er läuft wie ein alter Rollfilm ab. Mit der richtigen Geschwindigkeit wird ein Film daraus. In meinem Kopf kreisen die Gedanken der vergangen elf Monate. Mein Tempo hat sich angepasst. Es wirkt wie ein Film, der etwas zu schnell abgespielt wird. Nur kann ich gar nicht unterscheiden, was davon schnell oder langsam ist. Das Gefühl, da liegt etwas dazwischen, habe ich schon lang nicht mehr. Genua liegt schon wieder mehr als eine Woche hinter mir. Aber eben dieses zeitlose und raue der italienischen Küstenstadt hat mich fasziniert. Ich mag es, wenn Dinge zeitlos sind und eine eigene Aura versprühen. Du tauchst hier automatisch in eine Zeit ein. Vielleicht 15 – 20 Jahre zurück. Wir laufen am Bahnhof vorbei, entlang an einer Art ausgetrockneten Flussbett, bis zum Stadio Luigi Ferraris. Ich liebe das. Ich liebe es verdammt nochmal. Die Tifosi sind einfach einmalig. Im Stadion stehen wir einfach irgendwo und feiern einfach diese Atmosphäre. Die Hymne singen hier einfach alle. Aus tiefstem Herzen. Das äußerst runtergekommene und marode schlicht und ursprünglich gehaltene Stadion wird mit heißblütigem Leben gefüllt. Knapp 120 Minuten lang. Wir sehen sogar fünf Tore mit gutem Ausgang fürs Heimteam. Der anschließende Motoroller-Korso gibt sein übriges dazu! Da stört es auch niemanden, dass direkt dahinter der lokale Knast ist und die Insassen püntklich zum Spiel Hofgang haben.

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Augen zu! Und wieder auf. Vor mir stehen Polizisten mit Kampfschild, Helm und Schlagstock. Wir werden zum Bahnhof begleitet, um Monaco wieder zu verlassen. Es war ein anderer, ein schöner Tag. Mit gutem Ausgang für das Auswärtsteam. In Menton angekommen wollen wir noch ein Abschlussbier trinken. Haben wir in Genua gemacht. Müssen wir natürlich nach Monaco auch machen. Wir laufen durch den völlig verlassen wirkenden Ort. Es ist Nebensaison und alles ist zu. Bis auf diese kleine Bude. Der Mann, wahrscheinlich der Sohn von „Mama“ schneidet ein paar Fliesen zu. Wir fragen die gute Frau, ob sie uns ein paar Bier geben kann. Macht sie. Nachdem wir uns dreimal verlaufen haben, liegen wir im Bett.

Der nächste Atemzug. Knapp 2.000 Höhenmeter über Menton. Wir stehen auf dem San Bernadino Pass und schauen auf die schneebedeckten Berge. Der Blick geht in das Tal hinein aus dem wir gekommen sind. Ich muss an eine Situation der letzten Tage denken. Wir stehen bei „Papa“ in der Bar. Sein Freund Jacques verarbeitet ein paar Seeigel und reicht sie den Leuten an der Bar. Mit meinem brockenhaften Französisch verstehe ich ein paar Sachen. Er war Seeigel fischen und meint, er teilt seinen Fang gern bei Papa in der Bar. Und mit uns teilt er auch. Also essen wir Seeigel und philosophieren mit den Leuten hier über Fussball, Sprachen, Europa und trinken Bier zusammen. Wie schön es doch sein kann. Wie unbeschwert.

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Mein Blick geht nach rechts. Aus dem Fenster heraus erkenne ich das Hyatt Regency Hotel in Paris. Einer der Orte, die ich in Europa ohne Navi und fast im Schlaf ansteuern kann. Heute denke ich an letzte Woche zurück. An all die kleinen Geschichten und Begegnungen. Die schlechten Witze. Gutes Essen. Nächste Woche denke ich dann womöglich an Paris zurück. Noch weiß ich nicht was passiert.

Ich lass das Fenster noch ein bisschen auf. Wir fahren aus dem seitlich offenen Tunnel raus. Die Sonne steht sehr tief über dem Mittelmeer und taucht diesen Landstrich in ein filmisches Licht. Ich finde hier einen Teil der Antwort auf meine Geschwindigkeitsfrage. Die Frage, ob es zwischen schnell und langsam etwas gibt. Vielleicht ist es Grenzenlosigkeit. Zumindest fühlt es sich so an.

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