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05 Mai 2017 / By  / IN Menschen, Orte, Über mich / gallery

Barcelona. Camp Nou. Auf dem Weg, von der Innenstadt zum Stadion des F.C. Barcelona, ist es sehr ruhig. Ziemlich viele Touristen mit Neymar Jr., Messi oder Suarez auf den Shirts. Überall gibt es Merchandisestände und diese Typen, die Bier verkaufen. Dürfen Sie eigentlich nicht. Aber durstig sind beim Fußball alle. Und eigentlich verkauft hier Jeder irgendetwas. Normal in solchen großen Städten. Wir stehen in einer Bar und trinken noch Bierchen. Links ein paar Schotten. Rechts von uns Holländer. Ist schon schön hier. Glückliche Menschen überall. Fußball hat eben eine magische Aura. Ich staune immer wieder, wie sehr dieser Sport die Massen bewegt. Da sitzen wir in diesem großartigen Bauwerk. 1957 wurde es eingeweiht. Knapp 99.000 Leute sind mit uns im Stadion. Wir haben ganz gute Plätze, wobei ich davon überzeugt bin, dass man in diesem Stadion, bis auf die Sitze der Auswärtsfans, immer einen guten Blick auf das Spiel hat. Die armen Schweine stehen im obersten Oberrang hinter Plexiglas. Naja die haben wahrscheinlich die billigen Tickets für 100 Euro.

Die Operette beginnt und wir werden Zeuge von einem Theaterstück, bestehend aus 21 Fußballern und Messi. Den verehren Sie hier wie einen Gott. Spiel ist mäßig aber es fallen 5 Tore. Natürlich auch durch den „Heiligen“. Doch eigentlich fällt mir hier etwas komplett anderes auf. Das Stadion ist relativ leise. Wie kann das sein? So viele Menschen und es hört sich an wie ein Bolzplatz in einer Wohnsiedlung. Nun ja. Eine Erklärung ist der Fußballtourismus und die überteuerten Karten. Das verteibt natürlich etliche, die sonst ihre Mannschaft lauthals anfeuern würden. Außerdem sind wir da ein bisschen verwöhnt von unseren deutschen Stadien. Aber mir kommt da noch eine andere Erklärung in den Sinn. Beim Blick in die Ränge in unserer Nähe fällt mir ein Zustand auf, welchen ich schon sehr oft auf meinen Reisen beobachten konnte. Es sind von den knapp 99.000 Menschen 90% damit beschäftigt der Welt mitzuteilen, dass Sie im Camp Nou sind. Ja sicherlich ist das aufregend. Wir haben uns auch gefreut hier zu sein. Da werden aber Alle zwei Minuten Selfies gemacht. Jede halbwegs spannende Aktion (Einwurf, Eckball???) wird gefilmt. Vielleicht hat man ja Glück und erwischt ein Tor. Egal für wen. Das Video wird dann sofort hochgeladen und geteilt. Da kann man dann schon auf 100 Videos kommen. Selfies? Hoch damit. Instagram. Twitter. Whatsapp. Wahnsinn. Allein die Datenmenge, die während diesem Spiel erzeugt wird. Das ist schon irgendwie krank. Früher sind die Leute wegen der Stimmung und dem Sport in die Stadien gegangen. Nach diesen Leuten muss man hier aber echt suchen. Es nervt. Wir haben so ein krasses Mitteilungsbedürfnis entwickelt, dass viele Momente und Situationen verloren gehen. Hmm. Im Park Guell gibt es einen Aussichtspunkt. Ein Kreuz. Wenn du da oben stehst hast du einen herrlichen Blick auf die Stadt. Ich will auch diesen Blick erwischen. Ein Foto mach ich auch. Nur bin ich mehr damit beschäftigt nicht runter zu fliegen, weil jeder hier für sein Selfie keine Rücksicht mehr nimmt. Und seinen Nebenmann vom Sockel stößt. Ich habe einen Mann mit Selfiestick beobachtet, der den Anblick nicht ein einziges Mal mit seinen Augen gesehen hat. Die Erinnerung existiert lediglich auf seiner Festplatte. Das ist schon irgendwie eigenartig. So geht es wahrscheinlich auch einigen im Stadion. Die Jungs, die vor uns sitzen, verbringen 75 % des Spiels in ihrem Telefon. Wenn man bedenkt, was die Karte kostet, dann stell ich schon den Wert eines Bildes in Frage. „Wenn du jeden Tag ein Bild hochlädst und dann mal 6 Tage nichts machst, dann bist du nicht mehr relevant bei Instagram!“ Bitte was? Ist aber leider so.

Der Witz ist ja, dass Twitter und Instagram viel Spaß machen. Zum Teil ist es auch sinnvoll solche Kanäle zu konsumieren und zu bespielen. Aber leider rutscht hier auch extrem viel Müll durch. Anderes Thema. Also schaue ich mal Twitter was zu dem Fußballspiel alles gepostet wurde. Videos. Von Ecken. Von Einwürfen und in schlechter Qualität. Da schäme ich mich für meinen Versuch von Stadionbildern. Beobachten. Vorstellen. Einen Bildausschnitt wählen. Kamera einstellen. Ein Bild machen. Kamera wieder weg. Schau ich mir nachher an, ob was dabei ist. Obwohl ich erst 30 bin, fühl ich mich da manchmal wie aus einer anderen Zeit. Ich bleibe da auch erstmal noch. Mag ich altmodisch sein und am Ende bin ich auch nicht mehr so gefragt. Vielleicht leidet dadurch auch mein „influence-Grad“. Scheiß drauf. Ich liebe es zu sehr meine Umwelt wahrzunehmen und etwas davon festzuhalten. Aber es muss nicht zwingend jede Situation ins Netz.

Euer Hutmann.

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