Paris, kannst du einen Traum erfüllen?

02 Mrz 2018 / By  / IN Menschen, Orte, Schwarz und Weiß, Über mich / gallery

Da ist sie wieder. Die Frage, was man zum Besten gibt. Ich verkaufe das als Schreibblockade. Ich merke, dass mir nichts einfällt, worüber ich schreiben kann und genau darüber schreibe ich dann. Das Zeichnen des Bildes einer Krise. Es wirkt als wäre das ein wiederkehrendes Muster. Beiträge ohne Ende. Dann Jahreswechsel. Rückblick. Vorschau. Leere. Denn es muss ja immer spektakulär sein. Sonst reicht das nicht für einen Blogbeitrag. Plötzlich die Eingebung. Das eine Gespräch. Die krasse Wanderung. Der tolle Song oder, was sonst noch für ein Quatsch. Schöne heile Welt. Allen voran mein Freund Instagram. Es ist so positiv. Hach. Das eigene Leben kann so langweilig und unwichtig sein. Scheint so. Ist es aber nicht. Wieso berichtet eigentlich niemand davon, dass er mal mit seiner Oma eine Runde um den Block läuft? Wieso porträtieren wir unseren Tag immer oberkrass? Unser Business muss immer perfekt sein. Keine Schwäche. Bloß niemandem zeigen, dass man schlechte Laune hat oder das mal was schief läuft. Wie gleichgültig wir sein können.
Ach irgendwie finde ich das auch schade. Es sind doch oft, so die kleinen Sachen aus dem normalen Alltag über die man sich freut. Wo man mal Lachen muss oder vielleicht sogar mal Weinen? Dass mal die Socken nicht zusammen passen. Oder man macht Fotos von Menschen, die einem freundlich die Waschmaschine reparieren und die Extrakosten mit einem Augenzwinkern weglächeln. Ich will auch nicht immer meckern aber so funktioniert eben Social Media oder eben auch nicht. Meine Oma wirds eh nicht verstehen. Sie sagt immer: „Kannst du mal in deinem Internet nachschauen, ob der Getränke-Müller offen hat?“. Ich schaue nach und meine Oma schaut ungläubig. „Das ist ja der Wahnsinn”. Heute gibt es Schnitzel. Schön in Butter angebraten. Dazu Schwarzwurzelgemüse und Kartoffeln. Kompott steht auch schon bereit. Und wehe, ich habe das Handy mit am Tisch. Da gibts gleich Ärger. Wir müssen dann noch zur Bank. Kontoauszüge holen. Weil wir ja wissen wollen, ob die Krankenkasse alles richtig abgerechnet und gebucht hat. Hat sie nicht. Zumindest nicht so, dass es gleich verständlich ist. Sie schaut mich ganz traurig, mit der leicht schiefen Brille an. Ich nehm ihr Telefon und wir rufen mal bei der Krankenkasse an. Die nette Dame erklärt uns alles ganz in Ruhe. Die Fragezeichen über ihrem Kopf werden weniger. Oma holt noch einen kleinen Zettel aus einem Schubfach und hält ihn in ihrer Hand. Lesebrille bleibt aufgesetzt. Ich schaue ihre Hände an. Von Arbeit und Leben gezeichnet. Starke Hände. Gepflegt. Wie oft hat sie mich damit schon sprichwörtlich aus der Scheiße geholt. Ich höre ihr wieder zu. Sie braucht ein kleines Beistelltischchen für ihre Sitzecke in der Stube. Sie hat alles ausgemessen. Sogar mit einer Stelle nach dem Komma. Ich muss grinsen. Wir ziehen uns an. Sie ruft ins Schlafzimmer, dass wir gleich wieder da sind. Der Opa nickt und schaut weiter fern. 24h ist sie bei ihm und pflegt ihn. 65 Jahre sind sie verheiratet. Knie. Hüfte. Rücken. Ein trüber Blick. Es ist schon bemerkenswert, was sie leistet. Leisten muss. Leider ist sie auch zu stur, um sich noch mehr helfen zu lassen. Wir klettern ins Auto. Fahren los. Sie plaudert und schaut sich in ihrer Stadt um. An der Ampel fragt sie ganz schüchtern, ob wir mal zu “Blumen Heinz” fahren können. Die haben schöne Rosen im Angebot. Ich sage: “Nö, Oma das geht nicht. Stand nicht auf dem Plan!” Ich zwinkere ihr zu und bekomme postwendend einen Klaps auf den Hinterkopf. “Du Frechdachs!” lacht sie. Wir fahren zum Blumen Heinz. Die Sonne scheint und ich merke wie sie das genießt. Mit meiner Oma ist das immer so ne Sache, wenn man irgendwo hingeht. Jeder kennt sie. Alle grüßen sie. Dann streichelt sie mich immer und stellt mich als ihren Enkelsohn vor. “Stellen Sie sich vor der war letzten Monat in Hong Kong“.

Wir sitzen wieder im Auto. Sie sagt zu mir: “Weißt du Robert, ich würde gern mal nach Paris. Das ist mein größter Traum. Aber mit dem Opa…naja das geht ja nicht.” Ich gehe im Kopf durch, wie oft ich in Paris war. Wie einfach es ist dahin zu kommen. Was wir alles machen könnten. Sie würde durchdrehen vor Glück. Mein Handy ist voll damit. Mein Blog. Mein Feed. Aber es ist ihr größter Traum. Zum Abschied weint sie immer. Obwohl wir uns ein paar Tage später wieder sehen. Mein Herz schlägt bis zum Hals, weil es mir in der Seele brennt sie immer so zu sehen.

Liebe Oma, in meinem Internet gibt es diese Bilder von deinem Traum. Ich sage mal ganz vorsichtig: Unmöglich ist es nicht. Bis nächste Woche!

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