Ein ganz normaler Tag

10 Jan 2017 / By  / IN Allgemein, Menschen, Orte / gallery

Ein ganz normaler Tag in Kenya. Wir wurden am Samstag zu einer Taufe eingeladen. Irgendwo 25 km außerhalb von Nairobi entfernt. 7 Uhr soll uns das Taxi abholen. Genau ab diesem Zeitpunkt geht schon der ganz normale Wahnsinn wieder los. Der bestellte Fahrer kommt fast eine Stunde zu spät. Zwei verrückte Typen in einer Karre, die gefühlt 6 Millionen Kilometer runter hat. Eins habe ich in dem Zusammenhang über kenianische Autos gelernt. Je mehr die Zerstörung ist, desto imposanter muss die Bassrolle sein. 9 Personen in einem Kleinwagen? Klappernde Dämpfer, Achsen, Kupplungen und hängende Auspuffrohre? Kein Problem. Hauptsache es gibt Musik. Muss man mögen. Egal. Die beiden Fahrer werden ganz galant abgewürgt. Sorry Leute aber ihr hättet wenigstens mal Bescheid sagen können. Angeblich der größte Stau, den die Welt je in Nairobi gesehen hat. Sicherheitshalber haben wir schon den nächsten Fahrer organisiert. Dieser muss aber erstmal mit einem Motorrad zu uns kommen. Sein Auto steht nämlich wo? Ja, richtig bei uns im Hotel auf dem Hof. Seine erste Amtshandlung: erstmal das Auto öffnen und die Mücken rauslassen. Wir sagen ihm die Adresse. Er hat allerdings keinen Plan wo er hin soll. Überhaupt keinen. Also müssen wir wieder ins Hotel rein, per Googlemaps die Strecke als Offline-Karte herunterladen, danach dem Fahrer erklären wo es hingeht und schon geht es los. Es kann so einfach sein. 75min Verspätung. Es ist 8.15. Die Taufe beginnt wohl um Neun. Das Navi sagt eine Punktlandung voraus. Ist die Tanknadel kaputt oder Tank leer? Kann hier Beides sein. Wir müssen natürlich noch tanken. Beim Blick Richtung Fahrer sehen wir ein paar Lampen leuchten. ABS? Defekt! Ölstand? Prüfen. Motorleuchte ist natürlich auch. Irgendwie beruhigt mich das. Scheint zu bedeuten, dass der Motor noch da ist. Die Tankanzeige scheint auch kaputt. Falls nicht, dann müssen wir noch Tanken. Aber ganz in Ruhe…ist doch noch Zeit.

Wie durch ein Wunder schaffen wir es pünktlich. Die Taufe fängt scheinbar sowieso später an. War irgendwie klar. Nach einer endlos langen aber sehr schönen Zeremonie, begeben wir uns wie im letzten Jahr wieder nach Kamangu. Ein bisschen rumhängen, essen und mal abseits von Nairobi etwas durch schnaufen. Zum Abschluss beschließen wir, in den örtlichen Pub zu gehen. Vier kahle Wände. Ein kleines Oberlicht. Ein paar Plastikstühle. Niedrige Tische mit Plastiktischdenken. Warmes Bier, dass hinter einem blauen Gitter heraus serviert wird. Eher ein Spätverkauf als eine Kneipe. 7 weiße Menschen sind wirklich sehr exotisch in dieser Gegend. Ein Einheimischer kommt in die Bar, sieht uns, macht auf den Absatz kehrt. Kulturschock. Wir trinken unser Bierchen und dann beginnt er wieder: der ganz normale Transportwahnsinn in Kenya. Ein Matattu soll uns wieder Heim bringen.

Ach diese kleinen Transportbusse. Irgendwelche Toyota Kleinbusse. Fahrender Schrott. Man muss damit fahren. Besser lässt sich Kenya nicht erklären. Es gibt einen Fahrer, einen Conductor und einen, der an Haltestellen den Motor mit Gasschüben am Leben lässt. In unserem Fall ist Letzterer ziemlich besoffen. Aber der Fahrer ist eh verschwunden. Wir sind eigentlich schon voll. 14 Leute sind bereits im Fahrzeug. Unter 20 Personen wird hier nicht gestartet. Die Dinger werden bis zum Rand vollgepackt. Und wenn der Kassierer nicht mit reinpasst, hängt er sich einfach draußen dran. Zum Glück sind die Omis hier schön weich gepolstert an der Hüfte, da tun mir nur die Schienbeine ein bisschen weh. Die stecken im Vordersitz. Beim Blick nach unten sehe ich den Straßenbelag. Blick nach hinten 20 schwitzende Fahrgäste zu einem Menschenberg zusammengequetscht. Der Fahrer kommt. Der Conductor haut zweimal mit der Münze gegen die Scheibe. Los geht es. Wir stocken zwischendurch mal auf 23 Leute auf. Schlaglöcher werden über die gesamte Straßenbreite umfahren. An jeder Haltestelle redet das ganz Dorf auf uns ein. Jeder gibt dir die Hand. Die meisten sind betrunken oder machen Witze oder versuchen sich im Smalltalk. Hektik. Chaos. Schmerzende Schienbeine. Einer sagt, dass er ab der Hüfte abwärts seine Beine nicht mehr spürt. Egal. Umfallen kann man hier eh nicht. Nach einer gefühlten Unendlichkeit kommen wir wieder in Kikuyu an. Ein Umsteigeplatz. Vom kleinen Bus in den großen Bus. Noch mehr Hektik. Noch mehr Busse. Noch mehr Chaos. Aber wir kommen an. Wir kommen mal wieder irgendwo an. Lebend.

Man funktioniert tagsüber, weil man die Eindrücke garnicht so schnell verarbeiten kann. Als wir abends beim Bier zusammen sitzen, lassen wir den Tag nochmal aufleben. Habt ihr das gesehen? Ist euch der „Fleischer“ aufgefallen? Oder der Rattengrill? Der Pub? Die Organisation an der Straße? Die halsbrecherischen Fahrmanöver. Manchmal so knapp, dass wir den Atem anhalten müssen. Mir wird immer wieder bewusst, dass wir uns hier in einer völlig anderen Welt befinden. Wir sind nur ein kleiner Spielball. Jeder hat zu tun. Jeder macht hier mit irgendwas ein bisschen Cash, um den nächsten Tag zu erreichen. Einer sitzt vor einem kleinen Shop. Er fragt uns nach Fußballergebnissen und füllt mit unseren Infos einen Tippschein aus. Um uns herum bettelnde Kinder. Gegenüber eine Tankstelle, wo gerade die Einfahrt gemacht wird. Für die 3 Meter Regenabfluss brauchen Sie hier wahrscheinlich 3 Tage. Stört aber auch keinen. Wozu die Eile? So schnell wird sich hier nichts ändern! Die Frage ist, ob nur wir das wollen oder ob die Veränderungen überhaupt notwendig sind!?

Beantworten kann ich das nicht. Obwohl ich es gern möchte! Ich möchte gern verstehen, wie man im Dreck leben kann, perspektivlos und orientierungslos in den Tag hinein lebt. Das begreife ich nicht so richtig. Müll über Müll. Armut neben Armut. Aber es scheint den Menschen zu genügen. (Ich rede hierbei natürlich nicht von der sehr aufstrebsamen Mittelklasse, den Studenten und Businessleuten!)

Da halte ich mich doch an meinem Freund Moses fest. Er hat eine kleine Tochter und sieht Sie fast nur jeden Montag, da er 12 Stunden am Tag unsere Hoteleinfahrt bewacht. Ihm genügt das. „Ich habe einen Job. Werde regelmäßig bezahlt. Mein Kind ist gesund und meine Frau schmeißt den Haushalt. Montags machen wir was schönes zusammen!“ sagt er zu mir. Er lächelt. Ich drucke ihm das Portrait aus, dass ich von ihm gemacht habe. Er freut sich und schaut es sich sehr lang an. Er ist stolz. Er zeigt auf das Hotel und sagt: „Das ist mein Hotel. Ich beschütze es. Genau wie auf dem Bild!“ Ich nicke. Wir klatschen ab. Ein ganz normaler Tag in Nairobi eben.

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