Nairobi

14 Jan 2016 / By  / IN Allgemein, Orte / gallery

Ich habe seit zwei Tagen Albträume. Ich träume von einem Bus in dem sehr viele Kinder sitzen. Wir fahren auf einem schlecht asphaltierten Autobahnzubringer. Viel zu schnell. Der Bus kippt in der Kurve um. Überall Wasser. Die Kinder sind weg. Am Ende kann ich nur meine Tasche retten. Egal was ich mache.

Ich denke darüber sehr viel nach und merke, dass diese Tage in Kenia etwas ausgelöst haben. Was genau, weiß ich noch nicht. Auch fällt es mir schwer einfach in den Alltag einzusteigen. Das wird mir aber gelingen. Ich muss mich jetzt aber dennoch entscheiden, welches Bild ich von Kenia transportiere. Deswegen klammere ich Nairobi aus. Fühle mich aber trotzdem verpflichtet etwas über diesen Ort zu sagen. Wenn ich mir den Wikipedia-Eintrag zu Nairobi anschaue, stelle ich fest, dass ich sehr wenig über die Stadt erfahre außer trockene Fakten. Aber irgendwie suche ich nach einer Erklärung für diesen Ort. Hier leben ca. 3,1 Millionen Menschen. Es gibt riesige Slums. In den angeblich nur 200.000 Menschen hausen. Die Zahl variiert aber zwischen dieser und 600.000 Einwohnern. Auch die Tatsache, dass die Slums mitten in der Stadt sind, stärkt das eigenartige Stadtbild und das Gefühl, was hier vermittelt wird. Grenzen wir mal das Kenyatta Hospital und die Westlands (hier leben die etwas „reicheren“ Leute“) aus, dann bleibt ein Loch. Ein Transitloch. An vielen Stellen korrupt. Kriminell. Gefährlich. Arm. Sicherlich gibt es in jeder Großstadt Ecken, die schlicht als schwierige Viertel gelten. Es gibt in jeder Stadt Bettler. Es gibt wohl auch überall Ramschläden. Nur habe ich in Nairobi das Gefühl, dass diese Stadt genau aus solchen Dingen besteht. Die ein, zwei Sehenswürdigkeiten sind sehr stark abgeriegelt und wirken irgendwie wie Fremdkörper. Die Straßen sind geprägt von enormen Abgasen, riesigen Staus. Überall Menschen die auf der Straße sog. Business machen. Steine und Nüsse verkaufen. Leute in Busse einweisen. Kneipen anpreisen. Jeder will dich irgendwo hinbringen. Oft wirken die Leute ziellos und haben eigentlich gar keinen richtigen Plan. Die Leute schauen alle sehr ernst. Ich glaube, ich begreife langsam, dass Sie hier schlicht und ergreifend Angst haben. Überlebensangst. Wir haben ein vermutlich totes Kind gesehen. Völlig verbrannt. Leblos. In den Armen des Vaters. Dessen Bein, offen und verschimmelt in Richtung Fußgängerzone gezeigt hat. Vor Ihnen eine Botschaft. Die Leute haben sich das durchgelesen und sind weitergegangen. Ein Mädchen ist vor uns zusammen gebrochen. Epileptischer Anfall. Der dritte an dem Tag. Sie haben heute zu wenig Geld verdient um zum Arzt zu kommen. Junge Männer die im Park einem alten Mann das essen klauen. Ich will garnicht wissen, was er Alles dafür tun musste. Ein anderer junger Mann wäscht sich im Abwasser und wiederum füllt sich Jemand aus einer mit Müll getränkten Pfütze im Park Wasser ab. Er trinkt es sofort. Straßenkinder die nach Pisse riechen. Oder bettelnde Kinder deren Beine und Gliedmaßen so unmenschlich verdreht und entstellt sind, dass Sie dennoch auf der Straße liegen und vor sich hinkrepieren. Müll wird überall verbrannt. Es liegen tote Ratten auf der Straße. Junge Frauen die sich einem regelrecht anbiedern um aus dem Land irgendwie rauszukommen. Jetzt könnte man sagen, dass gibts doch überall. Mag sein. Um all das zu erleben haben wir lediglich 4 Stunden gebraucht. Auf einer eher ungefährlichen Route, durch das Stadtzentrum. Wie sieht es dann in weniger belebten Ecken aus. Wie sieht es wohl in den Slums aus? Dort schwimmt die Scheiße in den Straßen hinunter. Es ist die Stadt in die dennoch Viele versuchen hinzukommen. Sie gibt den Menschen Hoffnung. Hoffnung, das dieser Ort Sie vielleicht weiterbringt. Ihnen eine Perspektive bietet. Bei leider Gottes so vielen Menschen scheitert es aber an den 20 Cent für die Busfahrt nach Nairobi. Es gibt allerdings eine Generation von Menschen. Zwischen 25 und 40. Es sind die Ryans, Emmas, Latifahs und Johns, die kämpfen und versuchen über den Tellerrand hinaus zu schauen. Sie lernen. Versuchen Geld zu verdienen und sind womöglich die Hoffnungsträger für das Land. Für diese Stadt.

Wenn wir zurückkehren verlassen wir einen Ort, der sich selbst nicht heilen kann. Die Politik versucht gegen die Korruption anzukämpfen und den Leuten irgendwie Bildung zugänglich zu machen. Aber eh all diese Maßnahmen greifen, wird es wohl wahrscheinlich die nächste korrupte Regierung geben und das Land um Jahre zurückwerfen.

Wir werden also zurückkehren. Obwohl es den Kenianern peinlich ist, dass Sie trotz aller angeblicher Bodenschätze und Fortschrittlichkeit, Ärzte aus aller Welt brauchen die Grundlagenarbeit betreiben.

Ich sollte ein Reportage machen und das Projekt begleiten. Es ist am Ende viel persönlicher geworden als ich es wollte. Aber es ging nicht anders. Das sollte eigentlich der letzte Text dazu sein. Oftmals ist sind es die letzten Eindrücke, die haften bleiben. Jetzt kann ich mich entscheiden. Bilder von toten Kindern oder erzähle ich zum Schluss von den vielen tollen Momenten. Ich kann keine Bilder von toten Kindern machen oder gar dann auch noch zeigen. Also sollen diese schönen Momente bleiben. Damit werde ich dann übermorgen, dass Kapitel Kenia beenden und mich vielleicht auf das nächste Projekt vorbereiten.

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