Leben retten

11 Jan 2017 / By  / IN Allgemein, Orte / gallery

Der Schnitt bei 4 Operationen pro Tag ist gut, könnte aber besser sein, wenn nur die Patientenvermittlung nicht so kompliziert wäre. Das sind leider die strukturellen Probleme in Kenya. Die jungen potenziellen Patienten sind scheinbar nirgends erfasst und laufen wahrscheinlich ihr halbes Leben mit einer schwachen Pumpe rum. Was könnten Sie wohl leisten, wenn Sie dieses kleine Gerät in ihrer Brust hätten. So kommt es, dass wir Kinder und alte Menschen operieren. Aber irgendwie nix dazwischen. Ach man das ist immer so ärgerlich. Hmm gut das lässt sich jetzt wohl nicht so schnell ändern. Es braucht Kontinuität und unseren Freunden vom M.P. Shah Hospital muss man das nötige Vertrauen schenken, damit Sie das Problem vielleicht etwas aufarbeiten können.

Aber um auch mal genauer auf den medizinischen Teil einzugehen, versuche ich immer mal mir etwas erklären zu lassen. Sonst schaut man immer richtig dämlich aus der Wäsche. Ich habe mir von den deutschen Ärzten sagen lassen, dass einige Operationen sehr schwierig waren. Bei einer OP sollte es sogar noch spektakulär werden.

Hannah hat vor 2 Jahren schon eine OP gehabt. Aber irgendwie hat es nie so richtig hingehauen bei ihr. Sie sind ein wenig skeptisch, ob das diesmal auf der anderen Seite mit einem Zugang klappt, da man relativ wenig über die Krankheitsgeschichte der Frau weiß. Der Eingriff ist relativ kompliziert aber haut ziemlich gut hin. Ich spüre das erste Mal richtige Spannung im Raum. Sie wird in den Aufwachbereich gebracht. Jörn, OP-Assistent und ehemaliger Intensivpfleger aus dem Herzzentrum Leipzig, schaut sich an Hannahs Bett ihre aktuellen Werte an. Ich stehe zufällig daneben. Mir gefällt nicht wie er schaut. Das ganze Team legt hier einen sehr konzentrierten aber auch entspannten und lockeren Auftritt hin. Profis auf ihrer Bühne. Wenn es ernst wird, dann werden schnell mal ein bis zwei Gänge hochgeschalten. Jetzt ist wieder so ein Moment. Hannah hat eine ziemlich schlechte Sauerstoffsättigung im Blut. Puls und Blutdruck sind auch ganz schön im Keller. Das da was nicht ganz stimmt, merkt selbst der Herr Fotograf. Wie kann das sein?

Es wird ziemlich schnell wuselig um das Krankenbett herum. Carsten, der Kopf des Projektes und renommierter Chefarzt der Herzklinik in Bielefeld, macht einen Ultraschall am Herzen. Ich lass mir erklären, das sich im Herzbeutel Blut angesammelt hat und dadurch Druck auf das Herz ausgeübt wird. Es hat also keinen Platz zum Schlagen. Kurze Beratung mit Sergio, Oberarzt aus dem Herzzentrum Leipzig, und der Plan steht. Das Blut muss da raus. Überall piept und blinkt es jetzt. Das gesamte Team, inklusive mir, steht jetzt am Bett von Hannah. Ich soll ihr Bein festhalten. Jetzt kann man hier die Luft schneiden. Der Kniff an dem Eingriff ist, dass man die Nadel genau zwischen die Wand des Herzbeutels und dem Herzen schieben muss, um das Blut rauszuziehen. Sticht man zu weit…naja das wäre nicht so gut für Hannah. Es wird Alles vorbereitet. Ram, unser fleißiger indischer Freund, holt Alles zum anreichen. Alex, OP-Assistent und zuständig für Schrittmacherabfragen aus dem Herzzentrum Leipzig, steht etwas auf wackligen Beinen, Magenprobleme. Zieht die Nummer aber eiskalt durch. Neben mir schaut Julia, die gute Seele unseres Projektes, zwischen Haube und Mundschutz gespannt in die Runde. Andreas, unser Schrittmacherprogrammierer, stellt ein paar Sachen am Monitor ein. Bruno, Auszubildender auf der Station, muss noch ein paar Sachen ans Bett bringen.  Jetzt gilt es für Alle. Hannah fixieren, denn das muss wohl ziemlich unangenehm für Sie sein. Es wird echt spannend. Jörn hat die Monitore im Blick. Wobei wir schauen Alle ganz gespannt auf die Anzeigen. Die Zahlen müssen jetzt schnell besser werden. Carsten schaut in die Runde. „Bereit?“ eh irgendwer was sagen kann, setzt er an und sticht die Nadel in den Brustkorb von Hannah. Er zieht das Blut raus. Eine Menge Blut. Der Monitor zeigt jetzt nur noch Fragezeichen an. Alex hat bei einer anderen OP zu mir  gesagt: „Fragezeichen sind in dem Fall besser als Ausrufezeichen!“

Sekunden vergehen. Der Blutbeutel füllt sich und Hannah macht irgendwie keinen guten Eindruck. Es dauert und dauert. Meine Fresse jetzt komm schon. Mach keinen Mist Hannah. Dann piept es. Kurze Stille. Jetzt kommen die Zahlen. Selbst ich als Laie weiß, dass diese Zahlen gut sind. Sie stabilisiert sich. Alter. Aufatmen in der Runde. Ich habe zwischendurch einfach mit der Kamera drauf gehalten. Wahnsinn. Schnell noch ein Pflaster drauf und dann ist es auch schon wieder vorbei. Man sagt uns, dass Sie in ein anderes Krankenhaus verlegt wird. Vielleicht werden wir erfahren, was aus ihr geworden ist. Im besten Fall sehen wir Sie nächstes Jahr wieder. Ich bin schwer beeindruckt, wie handlungsschnell und professionell die Nummer gerade über die Bühne ging. 5 Minuten später scheint es so, als ob nie was gewesen wäre.

Und Hannah…Ihr wurde gerade das Leben gerettet.

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