Kurz vor Schluss

14 Jan 2017 / By  / IN Menschen, Orte, Schwarz und Weiß / gallery

Der Mann ist 97 Jahre alt und bekommt einen Schrittmacher. Die Angehörigen fragen uns, wie lang die Batterie hält. „So ca. 10 -12 Jahre!“ sagen wir. Mit erstaunten Augen werden wir gefragt, was denn danach passiert…Äh was sagt man da vor lauter Schreck? Soll er einfach mit 107 nochmal kommen. Wobei man hier auch nicht ganz sicher sein kann, wie alt der Mann wirklich war. Er könnte auch 20 Jahre jünger oder älter sein. In Kenya wurden nämlich erst ab den 60er Jahren Geburtsurkunden eingeführt. Da staunst du manchmal nicht schlecht, bei solchen Geschichten. Ich stell mir gerade vor, dass ich keine Aussagen über meine Person machen könnte. Schwierig.

Wir unterhalten uns immer mal darüber, wie man Kenya beschreiben kann. So richtig einig sind wir uns da nicht. Zum einen sind wir in diesem sehr gut ausgestatteten Krankenhaus und die Jungs und Mädels können einen guten Job machen. Unser Kontaktarzt hier versorgt uns mit ausreichend Patienten. Es könnten natürlich viel viel mehr sein. Das lässt sich leider sehr schwer koordinieren. Zum Teil kommen die Menschen aus den ärmsten Gegenden. Man muss hier nehmen was man kriegt. Das ist auch so ein bisschen der Leitsatz. Der passt irgendwie besser als „This is Africa“. Denn dieses „TIA“ wirkt so ein bisschen wie bei einem kleinen Kind, dass nichts dafür kann und Mama mit großen Augen anschaut: „Das Glas ist von ganz allein aus dem Schrank gefallen!“ Ist nun mal so. Wer´s glaubt! Wir ärgern uns jedes Mal, wenn die Patientenlogistik auf einmal zusammenbricht, weil es einfach schlecht bis garnicht koordiniert ist. Oder weil man bei Stress schlichtweg überfordert ist. Es sitzen drei Patienten im Wartebereich. Der OP ist leer und die kenianischen Kollegen finden es wichtiger, dass wir erstmal in Ruhe essen. Dann stehst du da und fängst an Druck zu machen. Was man in der gleichen Zeit alles schaffen könnte. Aber Druck ist hier oft kontraproduktiv. Sie machen ihr Ding hier. Aber eben auf ihre Art und Weise und schon garnicht in unserem Tempo. Nimm was du kriegst. Besser wird es jetzt nicht. Schlechter aber auch nicht. Man gewöhnt sich nach und nach daran, denn ändern kannst du es sowieso nicht. Hier muss ich aber eine Lanze für das MP Shah Hospital brechen. Im Gegensatz zum letzten Jahr haben wir wirklich einen enormen Qualitätssprung erlebt. Da kann das Kenyatta nicht mithalten.

Skurril. Ein sehr passendes Wort für viele Dinge hier. Jede Situation, die vielleicht völlig normal oder alltäglich erscheint, kann im nächsten Moment in absolutes Chaos münden. Es ist hier immer Alles möglich. Wir sind zum offiziellen Abschlussdinner eingeladen. „Wir holen dich aus dem Hotel ab.“ heißt es. Es wurde ein Shuttle organisiert. Cool. Klingt entspannt. Ich stehe vor dem Hotel. Da kommt ein Kombi angefahren. Meine Teamkollegen schreien raus: „Steig gleich in den Kofferraum!“ Hmm. Ok. Ist ja ein Kombi. Wir sind 7 Personen. 5 Sitze hat die Karre. Julia sitzt schon auf dem Schoß und ich nun im Kofferraum. Naja zumindest kann ich die Beine ausstrecken. Wir fahren ein ganzes Stückchen. Die Hütten werden nobler und die Hotels etwas dekadenter. Links geht es zum Tribe Hotel. Erstaunlicherweise lebe ich noch. Der Sicherheitsmann durchleuchtet die Sitzreihen. Erst vorn. Alles safe. Mitte. Hmm gut einer zu viel aber passt. Dann leuchtet er in den Kofferraum. Er macht die Klappe auf. Bevor er etwas sagt: „Hey my friend, good to see you!“ rufe ich ihm entgegen. Er lässt vor Schreck fast seine Taschenlampe fallen. Wir machen die Ghettofaust und da bin ich. Frisch aus dem Kofferraum in der Einfahrt des 5-Sterne-Hauses. Soviel zum Thema Shuttle.

Die Herren warten schon auf uns. Die Besitzer des Hotels und des Krankenhauses. Den CEO kenn ich ja bereits. Wir dürfen Alles bestellen, was wir möchten. Ein paar Reden werden geschwungen und Geschenke verteilt. Wir sind gefühlt die einzigen Personen in diesem Hotel. Nacheinander werden jetzt Dankesworte gesprochen. Das Lob gilt unserem Engagement und der Bereitschaft für lau etwas Gutes zu tun. Jeder stellt sich kurz vor und beschreibt seine Stellung im Projekt. Wir bedanken uns für die Unterstützung und für die Zusammenarbeit. Nach dem Gruppenbild ist sofort Alles vorbei. Charity geht eben nicht so richtig ohne Geldgeber und Pflichtveranstaltungen.

Es ist mittlerweile der letzte Tag unseres Aufenthalts hier. Das Team hat sich in alle Richtungen verabschiedet. Nachdem für den letzten OP-Tag nur 2 Patienten angekündigt wurden und es dann doch 7 OPs waren, sind wir uns einig, dass es wieder eine gelungene Zeit war. Viele OPs. Viele glückliche Familien. Neue Freundschaften. Neue und alte Erkenntnisse. Hürden und Lösungen. Probleme und Antworten. Viele offene Fragen. Kopfschütteln. Entsetzen und Erstaunen. Genie und Wahnsinn. Highend und Dreck. Reichtum und Armut. Das liegt hier so dicht beieinander, wie man es sich kaum vorstellen kann. Wir haben uns wieder in die Achterbahn gesetzt und wurden komplett durchgeschleudert. Skurril trifft es für mich. Du musst in jedem Moment mit Allem rechnen. Selbst, dass dir kurz vorm Flughafen der Taxifahrer noch schnell über den Zeh fährt. Da hat er doch glatt vergessen, dass ich noch meine Tasche aus dem Auto nehmen wollte. Ich schreie. Schlage gegen Karre. Er dreht sich über die Schulter zu mir um. Er lacht mich an. Ich erkläre ihm in aller Ruhe meine Situation. „Oh Ok!“ Er setzt zurück. Der Fuß ist wieder frei.

Am Flughafen werde ich dann noch fix für einen Terroristen gehalten, weil ich ein bisschen rumknipse. Die Herren wollen die Bilder sehen. Sie sind sich einig, dass ich im Auftrag einer Terrororganisation Fotos mache. Hmm. Ich überlege kurz meine Strategie. Ich erzähle einfach drauf los. Quatsche über das Projekt und frage Sie, ob Sie dies und jenes in Nairobi kennen. Sie sind erstaunt, was der Terrorfürst so Alles weiß. Hmm. So richtig raus bin ich immer noch nicht. Versuche ich es mal mit der wie-heißt-nochmal-gleich-dieses-äh-na-Mensch-hier-helft-mir-mal-Nummer und siehe da, klappt. Wir reden jetzt über Bier und ich erkläre was wir in unserem Projekt machen. Wo wir waren und frage nach Begriffen die ich angeblich vergessen habe. Ich sage, dass ich es schade finde, wie wenig über den Krankheitszustand der Menschen hier gewusst wird. Irgendwann schauen wir drei etwas traurig und die Beiden tasten sich vorsichtig an der eigenen Herzgegend ab. Die Jungs bewachen eine kleine Einfahrt. So wichtig, dass während des Gesprächs wirklich niemand hier lang möchte. Sie arbeiten wahrscheinlich viel zu viel für wenig Geld. Wohnen am Stadtrand. Unsicher werde ich gefragt, ob ich ihnen noch Geld geben kann. Schließlich lassen Sie mich ja gehen. Ich lächle etwas müde. Wir geben uns die Hand und ich beschließe zum Gate zu gehen. Das macht mit der Zeit etwas müde und etwas traurig…

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