King of Kibera

23 Feb 2019 / By  / IN Menschen, Orte, Schwarz und Weiß / gallery

Kibera. Es ist früher Nachmittag und wir sind nach knapp 16 km Fußmarsch in einer Bar angekommen. Wir bestellen zwei Bier und eine Packung süßen Rotwein für unseren Guide. Durch den permanenten Stromausfall laufen die Kühlschränke nicht richtig. Das Bier ist dementsprechend kalt. Eric schaut uns an und erklärt uns seine Welt: „Love me. Hate me. Help you. Leaving you alone. This is Kibera. This is life.“ Wir lauschen seinen Worten und stellen ziemlich schnell fest, dass wir mit unseren Fragen nach Zielen und Perspektiven nicht weit kommen. In unserer Welt geht es um Erfolg. Um die Zukunft. Um Leistung. Um Geld. Um die großen Themen. Das meiste passiert in der Zukunft. Wir arbeiten, um im hohen Alter unser Leben zu genießen. Es geht immer um den nächsten Moment. Eric, der von mir ernannte „King of Kibera“, lächelt uns immer wieder an. Manchmal schüttelt er mit dem Kopf. Dieser schlaksige Typ in seinem kaputten Manchester United Trikot. Da grinst er. Holt wieder zu einer seiner kleinen Lebensgeschichten im Alltag aus. Und wir? Anstatt zuzuhören machen wir immer wieder das Gleiche. Vergleichen unsere Situation mit seiner und finden unsere Umstände besser. Fühlen uns verpflichtet. Das Gegenteil ist der Fall. Das macht mich sehr nachdenklich. Auch jetzt noch. Das Einfache in seinen Alltag integrieren. Ein Unding. Vier Wochen später.

Gehen wir mal ein paar Stunden zurück. Unsere Taxifahrerin lässt uns am Kibera raus. Wir vereinbaren, dass wir sie in 1,5 Stunden anrufen damit sie uns abholen kann. Das ist bestimmt ein Ort, von dem wir schnell wieder wegwollen. Wir sind schon im Aufnahmemodus. Menschen ohne Ende. Rote Erde. Staub. Gestank und die Hitze. Wir stoppen mit dem Taxi. Mitten im Gewühle kommt plötzlich dieser Typ mit seinem schneeweißen Grinsen durch die Massen durchgelaufen. Zwei Sätze auf Suaheli und dann wird abgeklatscht. Ich kann mir einen Kommentar zu Manchester United nicht verkneifen. Das Eis ist gebrochen. Aber eigentlich gibt es keine Grenzen. Unsere Lektion beginnt hier. Zuerst begegnen wir Brian. Fotograf. Hat Obama schon vor der Linse gehabt. Breites Grinsen. Foto gemacht. Wir stehen übrigens auf der für den Straßenneubau planierten Fläche. Hier haben sie mehrere tausend Leute umgesiedelt. Umsiedeln im Sinne von: Aus den Augen, aus dem Sinn. Eric winkt uns weiter. Wir überqueren die Bahngleise, die mitten durch den Slum führen. Also wirklich mitten durch. Hier ein toter Hund. Da ein Müllberg. Es riecht nach Scheiße und die Hitze brennt uns rote Farbe auf die Haut. Für uns wird 1,70€ Schutzgeld bezahlt. Alles mit einem Lächeln. Die Fragen platzen nur so aus mir raus. Ich will wissen, wie das was ich mir nicht vorstellen kann, funktioniert. Hier stehen Moslems, Juden und Christen nebeneinander an, um in die Kirche zu gehen. Rassismus? Eric lacht: „Schaut euch hier mal um. Wir leben hier von 20 Litern Wasser am Tag. Pro Familie. Meinst du, wir können uns mit solchen Kindergartenproblemen wie Rassismus rumärgern? Das ist was für eure Welt!“ Mit jedem Schritt lernen wir diesen Ort mehr verstehen. An manchen Stellen schauen wir uns kurz an und staunen. Manchmal ungläubig. Manchmal überrascht. Wir stehen auf einer Brücke. Eigentlich ein schöner Anblick. Unter uns der „Fluss“. Eine ekelhafte braune Suppe. Hier läuft wirklich alles rein. Vom öffentlichen Klo fliegt dein Kram direkt in den Fluss. Direkt. Die Schweine, die in dieser Brühe stehen, fressen die Fäkalien raus und hängen wahrscheinlich später beim Metzger. Es sind mittlerweile drei Stunden vergangen. Wir werden ruhiger. Die Fragen werden weniger. Wir tauschen uns eigentlich nur noch aus. Ich spüre wie mein Waschgang im Kopf langsam realisiert, dass unsere Welt eine Scheinwelt ist. Des einen Freud, ist des anderen Leid. Ein Ort, wie dieser könnte solche Weisheiten nicht besser ausdrücken. Wir brauchen Lenkradheizungen, sozialisieren uns bei Instagram und fahren mit dem SUV zur Kita um die Ecke. So lang wir so leben, werden die Menschen hier so leben. Das hängt leider alles miteinander zusammen. Auch wenn dazwischen 9.000km liegen. Wir sind nur gut im Verdrängen. Weil unsere Probleme nicht existenziell sind. 20 Liter Wasser? Schafft jeder von uns! Locker. Am besten sind wir darin uns zu rechtfertigen. „Ja ich trenne doch meinen Müll. Ja, ich achte schon darauf immer mal irgendwas weniger zu machen. Ich versuche weniger Auto zu fahren. Außer wenn es kalt ist.“ Wir einigen uns darauf, dass wir noch ein Bier trinken wollen. Mein Kopf ist platt gewalzt. Meine Gedanken sind wirr und ich bin mir nicht sicher welche Welt gerade real ist. Babayao, Erics Spitzname auf dem Platz, der Spielmacher, sagt uns: „Es geht im Leben um den Moment. Jeden Tag legen wir unsere Prüfungen ab. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Es geht nur darum. Schritt für Schritt. Ich lass es einfach irgendwann meine mickrigen Lebensweisheiten hier vom Stapel zu lassen. Das, was wir in den letzten 5h! erlebt haben. Kann man a) nicht beschreiben, übersteigt b) jegliche Vorstellungskraft und ist gleichzeitig c) das Eindrücklichste was ich bisher erlebt habe.

Wir einigen uns darauf, dass wir uns nochmal sehen werden. Morgen beim Fussball. FC Gor Mahia. Erics Local-Team. Was soll jetzt noch kommen? Eben. Das wissen wir noch nicht. Der morgige Tag wird uns das schon wissen lassen. Der Witz ist: Der gemeinsame Fussballbesuch wird dieses letzte Wochenende hier in Kenya spektakulär abrunden. Das kannst du vorher nicht ahnen.

Zum Schluss werden wir hier von der Kellnerin im Kibera noch beschissen. Aber sie macht das nicht mit böser Absicht. Es ist eine Gelegenheit für sie. Wir legen das Geld auf den Tisch und gehen. Im Auto erzählt uns unsere Taxifahrerin, dass sie um 50 € von der korrupten Polizei erleichtert wurde. Die Reifen sind hinüber. TÜV gibt es nicht. Ich schaue aus dem Fenster und lass meinen ratlosen Blick in Nairobi zurück. Sie sagt aber, dass es weitergehen muss, sie sich freut uns zu sehen und gibt uns Tipps für die weitere Abendplanung.

In zwei Tagen findet hier ein Terroranschlag statt.

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