Karibu

10 Jan 2019 / By  / IN Orte / gallery

Ich gehe aus dem Hotel. Laufe über den Parkplatz und aus dem kleinen Pförtnerhäuschen kommt mir Joshua entgegen. Normalerweise steht da Moses. Der macht aber nur noch Nachtschichten (!), damit er tagsüber bei seiner Familie sein kann. Kurzer Smalltalk. Obwohl Joshua so ziemlich kein Englisch versteht. Es geht auf die Parklands Avenue. Vorbei an Wellblech und Straßenhändlern. Links am völlig überdimensionierten neuen Diamond Kaufhaus. Mit einer Uber-Abholstation und gefühlt Platz für 1000 Geschäfte. Sind aber nur 3 drin. Der Rest steht leer. Naja zumindest haben sie es fertig bekommen. Dahinter biege ich links ein. Das alte Diamond Ding wurde um das neue Gebäude ergänzt. Scheinbar eine notwendige Investition. Tankstelle links. Bettler davor. Rechts der Kühlschrankhändler mit kaputten Kühlschränken. Verbrannter Müll. Motorradtaxifahrer. Gewühle überall. Am Kohlehändler vorbei. Da würde ich gern mal Fotos machen aber die Jungs schauen immer so böse. Vielleicht bekomme ich eins hin! Fragen kostet ja meistens nichts. Das muss aber hier nichts heißen. Vorbei an (offiziellen) Coca Cola-Wellblechhütten. Und dann bin ich nach 20 Minuten am MP Shah Hospital. Einen besseren Querschnitt bekommst du kaum. Ich habe keine Möglichkeit über die einzelnen Dinge nachzudenken. Es verschmilzt zu schnell und du hast einfach permanent damit zu tun, nicht überfahren zu werden. Vielleicht liegt es auch daran.

Jeden Morgen diesen Weg und abends zurück. Immer das Gleiche. Endlosschleife. Einmal haben wir darüber philosophiert, welche Themen die Lokalpolitik hier wohl auf dem Tisch hat. Öffentlicher Nahverkehr, wenn man das überhaupt so nennen kann, organisiert sich hier selbst. Irgendwas fährt immer irgendjemanden, irgendwohin. Für sehr sehr wenig Geld. Müllabfuhr. Läuft glaube ähnlich. Die Jungs sitzen oben auf dem LKW und schieben sau schwere Riesensäcke die Ladefläche rauf. Sieht gefährlich aus und eine lange Lebensdauer haben die Männer bestimmt auch nicht. Also bleibt noch Bildung. Medizin. Bauvorhaben. Es gibt wohl Schulen, die aufgebaut werden, die sich aber wiederum die Lehrer auf Dauer nicht leisten wollen. Heißt: Die Leute schicken ihre Kinder auf die privaten Schulen. Wer sich das nicht leisten kann, der bleibt auf der Strecke. Die Strecke scheint voll zu sein. Ähnliches spielt sich in der Medizin ab. No money, no party. Bauvorhaben? Siehe Diamond Plaza. Da sind sie dann wieder meine Fragen. Irgendwie scheint es vorwärts zu gehen. Irgendwie aber auch nicht. Dazwischen gibt es nichts. Kibera bis K1 Nachtclub. Extremer kann das alles gar nicht auseinander liegen. Die Fragen bleiben und werden an manchen Stellen einfach nicht beantwortet. Das muss doch die Leute irre machen, aber tut es scheinbar nicht. Irgendwann bekomm ich das in meinen Kopf rein, dass das anders ist, als in Deutschland. Ich muss aber trotzdem jedes Mal lachen, wenn ich hier ein Uber per App bestelle. Eine Taxifahrt kostet nie mehr als 2,50€. Selbe Tour in Leipzig nicht unter 15€. Aber bei uns ist Uber verboten. Das kannst du gern hier mal versuchen.

Achja, eine kleine Krankenhausanekdote wollte ich noch erzählen. Die Oma auf der Liege holt ihr Familie heran. Ihre Tochter, eine Mama mit Goldkette und sehr bestimmenden Auftreten beäugt mich. Auf der anderen Bettseite steht ihr Bruder. Seiner Uniform nach ist er der 8 Sterne-Armee-General der kenianischen Freiheitskämpfer. Oder so ähnlich. Ich werde gefragt, ob ich verheiratet bin. Ich verneine. Oma und Mama schauen sich an. Zwei Sätze auf Suaheli. Mama wählt eine Nummer. Wieder Suaheli. Dann kommt Winnie, meine Freundin vom Empfang und übersetzt. Sie sagt, dass ich nun an die Familie versprochen bin. Ich muss eine Ablöse zahlen und dann läuft die Nummer. Ich muss Lachen beim ersten Familienbild. Aber der Militär-Mann schaut leicht grimmig rüber. Dann schleiche ich mich weg. Bevor ich dieses Familiendrama vergessen habe, kommt Winnie. Sie nimmt mich an die Hand und sagt, ich müsse mich von meiner Familie verabschieden. Das macht man so in Kenya. Ungläubig schüttele ich nochmal allen die Hand. Ich sage, dass geht alles nicht. Nach dem dritten Mal nickt die Mama. Sie tippt mir auf die Schulter und sagt: „Am Ende entscheidet Gott!“ Ich nicke. Dann entscheidet eben Gott.

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