Ja verdammt, ich liebe es

19 Jan 2017 / By  / IN Allgemein, Menschen, Orte / gallery

Zunächst einmal zu den Fakten. Knapp 30 Operationen wurden durchgeführt und mehr als doppelt so viele Schrittmacherabfragen stehen zu Buche. Das kann sich sehen lassen in der Kürze der Zeit. Einwaschen. Anziehen. Vorbereiten. Schnitte. Sonden. 1 Kammer. 2 Kammer. 3 Kammer. CRT. Ventrikel. Blut. Bangen. Zumachen. Mal schnell. Mal langsam. Einfache und komplizierte Eingriffe. Wahnsinn. Teilweise 12 – 14 Stunden Tag. Nächstes Jahr stehe ich auch am Tisch. Ohne Kamera. Da hau ich die Schrittmacher selber rein. Hut ab, Freunde. Ihr habt mich mal wieder sehr verblüfft. Profis bei der Arbeit. Dann kommt noch dazu, dass die Kooperation mit dem M.P. Shah Hospital so gut funktioniert hat und das Team von „Herzschrittmacher für Ostafrika“ hier wohl wahrscheinlich nächstes Jahr wieder auftaucht. Es ist zwar eine Privatklinik, zu der nicht wirklich jeder Patient unter normalen Umständen Zugang hat aber wenn das Team mit den roten Käppchen da ist, sind das ja keine normalen Umstände. Wir haben uns selbst die „Singing Doctors“ genannt. Weil es schlichtweg Spaß macht mit Manpower Menschen zu helfen und feinste Disco-Musik durch den Saal schallte. Gib alles und du bekommst vielleicht das Doppelte zurück. Allein die Aussicht darauf motiviert ungemein. Die herzlichen, kleinen Gesten und diese Dankbarkeit – nun ja, das lässt mich ganz schön nachdenklich zurück.

Die ungläubigen Familien gehen mit ihren Liebsten fröhlich aus dem Krankenhaus raus, wohlwissend, dass sie vielleicht nicht zwingend der schönste Alltag erwartet. Denn Fakt ist: Kenya ist zwar ein besser entwickeltes Land aber dennoch ist hier das Elend und Leid weit verbreitet. Knüppelhartes Leben. Oft ist es die Aussichtslosigkeit gegen bestimmte Dinge. Oft hören wir Ratlosigkeit beim Thema Korruption und die Schere zwischen Armen und Reichen. Manchmal resignieren sie. Ändern werden wir es wohl nie. Dennoch freuen sie sich hier über die kleinsten Dinge. Kleine Gesten. Respekt. Aufrichtigkeit. Demut und Hilfsbereitschaft. Jeder hat ein freundliches Wort übrig. Offenheit und Lebhaftigkeit. Es wird sehr viel und herzlich gelacht. Und das obwohl man hier zum Teil im Dreck steht. Wo man einer zum Teil willkürlichen Politik ausgesetzt ist und Kinder im Alter von 3 Jahren professionell an der Straße betteln. Das tut einem in der Seele weh. Wir können nur einen Beitrag leisten, der sehr klein und in der Masse unerheblich ist. Aber ist das wirklich so? Stellen wir uns vor, jeder Würde jeden zweiten Tag, selbstlos jemand anderem etwas Gutes tun. Sitzplatz anbieten oder beim Tragen helfen oder ein Lächeln schenken oder über die Straße helfen oder oder oder… Ich bin mir sicher, dass jedem dazu etwas einfällt. Denn wir werden jedes Mal bestaunt, wenn wir sagen, dass wir die Nummer hier uneigennützig, unentgeltlich und in der Freizeit machen. Warum ist das eigentlich so etwas besonderes? Weil es nicht selbstverständlich ist. Jeder muss doch versuchen an sich selbst zu denken. Man kann doch nicht die ganze Welt retten. Oder?

Nehmen wir unseren lieben Moses. Er sagt, er sei total froh und stolz, dass er monatlich bezahlt wird. 100 Dollar verdient er. Er geht von Dienstag bis Sonntag auf Arbeit. Jede Woche. Das ganze Jahr. An Montagen hat er frei. Frag ihn mal nach seinem Urlaub. Sicherlich sind wir nicht in Kenya und unsere Gesellschaft funktioniert anders. Aber ich kriege das nicht mehr hin, zu sagen, ich mach die Dinge nur noch für mich, mit dem Wissen, dass es einen mir bekannten Menschen gibt, dem es an vielen Dingen fehlt. Ich habe ein Leben in Europa nicht mehr verdient als er. Ich hatte lediglich Glück. Die Welt ist wahrlich nicht gerecht. Während die Einen zu viel von allem haben, gibt es wiederum Menschen, die nichts haben und das Gleiche machen. Aber ich will mich nicht daran aufhalten über Dinge zu schreiben, die sich eh nicht ändern werden. Ich habe für mich erkannt, welchen Auftrag ich erfüllen möchte und was für mich bedeutsam ist. Ich habe eine soziale Verantwortung und nur das Glück in Deutschland zu leben, berechtigt mich nicht, so zu tun, als ob es den Rest nicht gibt. Ich kann die Welt nicht verändern aber ich kann sie ein Stück mit besser machen. Menschlicher. Mit Bildern kann man das sogar noch verstärken. Diese Lektion habe ich verstanden. Denn der Schock vom letzten Jahr kam daher, dass man diesen Teil der Welt einfach an 340 Tagen im Jahr komplett ignoriert. Und damit mein ich nicht nur Afrika.

Liebes Kenya, wenn du ein Mentor wärst, dann würde ich dich fragen, warum du soviel Elend und Schlechtes zulässt? Warum gibst du den Menschen nicht mehr mit auf den Weg? Wieso zeigst du ihnen nicht, wie sie aus ihrer Lage rauskommen? Ich wäre ständig sauer auf dich. Diese tägliche Ungerechtigkeit. Sinnlos. Du bist aber etwas schlauer als ich und fragst mich, wie ich denn auf die Idee käme, dass unser Leben in Europa besser oder mehr Wert ist? Was gibt mir denn das Recht darüber zu urteilen, wie hier gelebt wird? Für wen halten wir uns? Fremdenfeindlich ist Europa geworden. Einst das Paradies. Sozial Ungerecht. Geld als einzige, echt zählende Einheit. Von Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft kann ich mir nichts kaufen. Wie oft hört man diesen Grundsatz? Was gehen mich Kinder in Afrika etwas an? Wir müssen selber sehen wie wir klar kommen. Dann werde ich wieder kleinlaut und ziehe mich in mein Kämmerlein zurück. Denke darüber nach was du mir damit sagen willst. Es muss echt sein. Wenn du helfen kannst, dann hilf. Egal womit. Alles zählt. Alles. Wenn du Dinge hast, dann teile sie mit anderen. Teile dein Wissen und gib deine Erfahrungen an die weiter, die davon profitieren können. Sei uneigennützig und tu Gutes. Du musst dafür nicht nach Afrika fahren. Augen auf in deinem Umfeld. In deinem Viertel. In deiner Stadt. In deinem Land. Auf Arbeit. In der Freizeit. Überall kannst du mit kleinen Dingen, dafür sorgen, dass unser Plätzchen ein etwas Wärmeres wird.

Ich verstehe, was du meinst, Kenya. Oft habe ich ein zu schnelles Urteil gefällt. Nur, weil wir es so machen, heißt es ja noch lange nicht, dass es andere auch so machen müssen. Das Kind muss erst auf die heiße Herdplatte fassen, um zu wissen, dass diese heiß ist.

Deshalb sage ich: Danke. Danke für die Gastfreundlichkeit und die ganzen Abenteuer, die ich erleben durfte. Danke für die neuen tollen Bekanntschaften. Danke für die Dinge, die du uns schonungslos und ehrlich gezeigt hast. Manchmal kommen einem die Tränen. Vor Traurigkeit. Aber auch vor Lachen. Danke für die schönen Momente mit sehr bescheidenen Leuten. Ja, mir ist der Taxifahrer über den Fuß gefahren. Ja, hier kommt wirklich jeder zu spät oder gar nicht. Ja, Reis und Hühnchen kann ich nicht mehr sehen. Ja, verdammt entsorgt euren Scheißmüll richtig und verbrennt ihn nicht auf offener Straße. Ja, ich habe auch das ein oder andere Mal über die Mentalität geflucht. Ich weiß, dass es hier weitergehen wird. Auch ohne mich, ohne uns. Trotzdem. Verdammt, ich liebe es. Deshalb werden wir auch dieses Jahr wieder Gas geben und ordentlich Gelder einsammeln, damit wir nächstes Jahr wieder kommen können und einen Beitrag dazu leisten, dass es völlig egal ist, wie man aussieht, wie alt man ist, wo man herkommt oder welcher Religion man zugehörig ist. Wenn einer einen Schrittmacher braucht, bekommt er einen. Punkt. Das ist unser Auftrag.

Wer spenden möchte, kann das gern hier tun:

Herzschrittmacher für Ostafrika

 

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