Ich liebe das Land

16 Mrz 2016 / By  / IN Allgemein, Menschen, Über mich / gallery

…und ich hasse es dafür. Ich liebe die Freiheit und die Möglichkeit, das zu tun, was mir Spaß macht und kann sogar damit Geld verdienen. Ich liebe es ein freier Mensch zu sein und kann von hier aus die Welt erkunden. Ich liebe es Freunde aus verschiedenen Ländern und Kulturen zu haben. In meiner Heimatstadt habe ich eine, für mich, sehr gute Bildung genossen. Darüber bin ich sehr froh und für diesen Zufall hier geboren zu sein, bin ich sehr dankbar.

Während meiner Schulzeit wurde ich allerdings mit den dunkelsten Kapiteln der Weltgeschichte konfrontiert. Für einige davon, sind wir Deutsche sogar hauptverantwortlich. Das sollten wir niemals vergessen. Dass es bei einigen Menschen in diesem Land vergessen wird, ist ein Ausdruck von Selbstgefälligkeit und Ignoranz. Niemand kann heutzutage behaupten, dass er nichts davon weiß, woher rechte Strömungen ihre politischen Positionen beziehen und, wer deren Anhänger sind. Und dann gibt es auch noch Leute, die mit leicht umformulierten, rassistischen, nationalsozialischten Inhalten, aus diesen Strömungen heraus, Parteien gründen und noch dafür Zuspruch erhalten. Das gilt für Radikalismus in jeder Form. Diese Menschen nutzen diese/unsere Freiheit einfach aus und missbrauchen sie. Dafür hasse ich dieses Land.

Ich bin aus Sachsen-Anhalt. Aus Aschersleben. Jeder Vierte dort hat der AfD seine Stimme gegeben. Eigentlich eine Stadt, in der alles gut ist. Ein paar Flüchtlinge sind angekommen. Wurden aber gleich an den Stadtrand abgestellt. Sie laufen jeden Tag bei meinen Eltern am Haus entlang. Gehen spazieren. Laut Zeitungsberichten sind es 50 in der zweiten Sammelunterkunft. Den allgemeinen Lügenpressefaktor dazugerechnet sind es wahrscheinlich 1500. 50 gewaltbereite, die mit ihren primären Geschlechtsteilen winkend an jeder Ecke lauern, um die Aschersleberinnen zu vernaschen. Nunja. Passiert ist bisher nichts. Meine Mama wurde auch nicht vergewaltigt. Weggenommen wurde bisher auch noch niemandem etwas. Also doch nur 50 Kriegsflüchtlinge? Unser Bürgermeister, nebenbei sogar Präsident des DHB, ist in meinen Augen ein fähiger Mann. Einer aus der Stadt. Dem die Leute seit Jahren vertrauen. Er macht einen guten Job. Hat aus der Stadt wieder einen attraktiven Standort gemacht. Ich habe hier sogar schon Hochzeiten fotografiert. 2 von 3 Paaren leben sogar hier. Ja, sie machen es sich sogar richtig gemütlich. So richtig bedroht fühlen sie sich scheinbar nicht. Ich kenne relativ viele Leute aus meiner Geburtsstadt. Wenn ich das so durchgehe, fällt mir aus meinem Bekanntenkreis niemand ein, der seine Wahlstimme “RECHTS” gesetzt hat. Jetzt frage ich mich aber ernsthaft, wer hat denn so gehandelt? Aus Protest? Hier ist doch vieles im lebenswerten Bereich.  Es gibt Sportvereine. Die Landschaft ist sogar schön. Jede Menge Supermärkte. Eine Beachvolleyballhalle. Lustige Stadtfeste. Die Stadtentwicklung wurde sehr erfolgreich vorangebracht. Bildung wird gefördert. Radwege sind ausgebaut worden. Wir haben sogar einen Zoo. Soziale Einrichtungen. Ein Kino. Jugendarbeit in Clubs. Die Polizeischule ist eine ziemliche Nummer. Es gibt ein Gymnasium. Ja, es gibt sogar eine kleine Medienlandschaft. Mit Radio und lokalen Zeitungen. Die ich sogar schon ausgeteilt habe im zarten Alter von 14 Jahren. Stadtkultur und Geschichte werden gefördert. Das Gewerbegebiet wird ausgebaut. Mit Verlaub, da gibt es Regionen in Deutschland, denen es deutlich schlechter geht. Sogar direkt in der Nachbarschaft. Ich gebe zu, eine Arbeitslosenquote von 15,8 % im Jahr 2015 ist eine ganz schöne Hausnummer. Wenn die AfD Arbeit für alle versprochen hätte, wie es die NSDAP getan hat, da mag ich gar nicht drüber nachdenken. Was damals herausgekommen ist und wozu dieses blauäugige der Wähler geführt hat, sollten in Deutschland eigentlich ausnahmslos ALLE wissen. Ich weigere mich zu glauben, dass all diese Wähler nur aus Protest „Rechts“ wählen. Das ist nicht nur schockierend, sondern auch erbärmlich. Getreu dem Motto „Wenn mir nichts mehr einfällt, dann schlage ich einfach zu!“. Man kann doch keine Partei wählen, die 90 Prozent des Programms auf die Flüchtlings- und Ausländerpolitik bezieht. Das ist doch unverantwortlich.

Ich habe mir deshalb meine kostbare Zeit genommen und mir das übersichtliche Wahlprogramm der AfD angesehen. Es gab sogar Dinge, die ich gar nicht so schlecht finde. Tempolimit und äh …naja… – das wars. Aber das steht wohl nur für ein paar Wählerstimmen mehr drin. Sie wollen kein Tempolimit. Wenn der Wutbürger 100 fahren möchte, dann würde diese AfD-Heinis reinschreiben: “100 km/h auf allen Straßen. Auf der Balkanroute aber 200 km/h in südlicher Fahrtrichtung”. Dinge, die sich Leute über Jahrzehnte erkämpft haben, um die eigene Unterdrückung und Verfolgung abzustellen, sollen zum Beispiel einfach wieder abgeschafft werden. Die “Home-Ehe” zum Beispiel. Die Flut an Homo-Ehen in Aschersleben ist aber auch unfassbar gestiegen. Meine drei Hochzeiten waren “hetero”. Glück gehabt (Achtung Ironie). Gleichbehandlung der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Bereichen? Weg damit. Umwelt schützen? Interessiert uns nicht. Der Rest ist Populismus. Wie das Ganze dann finanziert werden soll, steht auch nirgends geschrieben. Übrigens liebe AfD-Wähler, der Landesvorsitzende dieser Partei, bezeichnet sich selbst als völkisch-nationalistisch. In der “Zeit” gibt es einen sehr aufschlussreichen Artikel über diese Personalie.

Jetzt stellt sich mir die abschließende Frage an jeden Vierten in Aschersleben: Soll es jetzt besser oder schlechter werden? Haben wir Angst vor Flüchtlingen? Haben wir keine Angst vor unserer Geschichte und das sie sich vielleicht wiederholen kann, wenn man “RECHTS” wählt? Was erwartet uns dann erst bei der nächsten Landtagswahl in Sachsen?

Mir macht das Angst. Heute fahre ich zum Shooting nach Bernburg. Dort ist es sogar jeder Dritte gewesen.

Anmerkung zum Bild: Nächstes Jahr fahre ich wieder nach Nairobi. Vielleicht treffe ich die beiden Kinder wieder und albere mit ihnen rum. Menschlichkeit und Nächstenliebe. Daran glaube ich und das macht mir Hoffnung.

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