Exoten und Experten

05 Jan 2016 / By  / IN Menschen, Orte / gallery

Kenia. Nairobi. Oder wie man hier so schön sagt: „Das richtige Afrika!“ Aber der Reihe nach. Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, ein Afrika-Projekt zu begleiten. „Herzschrittmacher für Ostafrika.“ Ein Spezialistenteam aus internationalen Ärzten, OP-Schwestern und Brüdern organisiert jedes Jahr Reisen nach Kenia um den Menschen hier zu helfen, zu Operieren, Ärzte auszubilden, Hygienestandards zu vermitteln und europäisches Know-How nach Kenia zu bringen.

Da ließ ich mich nicht lang zu einer Antwort hinreißen. Mein „Ja“ stand fest, bevor ich den Satz zu Ende gehört habe. Reisen. Fotos machen. Schreiben. Und dazu noch eine Ecke der Welt kennenlernen, die ich noch nicht gesehen habe. Besser kann 2016 nicht starten.

Jetzt sitze ich hier im Kenyatta National Hospital in Nairobi und werte die ersten Eindrücke aus. Davon gibt es eine Menge. Die Klinik versetzt uns hier in eine andere Zeit zurück. Irgendwie ein Mix aus 90er und DDR-Feeling. Offene Gänge, überfüllte Warteräume, Zelte vor der Notaufnahme und ein Begängnis wie auf einem Bahnhof. Man bemüht sich hier an jeder Ecke, ein ganz normales Krankenhaus zu sein. Wirkt ein bisschen wie unsere Schulen früher. Etwas karg und betonlastig. Wenn man sich außerdem noch daran gewöhnt hat, dass man hier der Exot ist (wir sind die einzigen „Weißen“ weit und breit) und die skeptischen Blicke mit einem Lächeln erstickt, fühlt man sich sofort mehr als wohl. Auch die Tatsache, dass ich hier den ganzen Tag in blauer Klinik-Zivi-Kleidung rumlaufe, einen Mundschutz trage und meine Geheimratsecken unter einer Haube verstecke, lässt mich sehr intensiv in eine für mich fremde Welt eintauchen. Meine Frage nach WLAN wird zum Beispiel so beantwortet: „Haben wir abgestellt. Die Schwestern und Helfer hängen sonst zu lang über ihrem Telefon.“

Ich bin also auf der Kardiologischen Station und fotografiere das Team beim Implantieren, Explantieren und Abfragen von Herzschrittmachern. Oder wie man hier so schön sagt: „die Pacemaker“. 5 Op´s habe ich schon hinter mir und obwohl ich über keine medizinischen Kenntnisse verfüge, bin ich schlichtweg beeindruckt. Das Team arbeitet unglaublich professionell und abgebrüht. Egal in welcher Zusammensetzung. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob man sich wenige Stunden zuvor das erste Mal gesehen oder ausserhalb seiner Klinik gearbeitet hat.

Heute Nachmittag nach der geplanten 6. OP, haben wir dann das erste Mal Zeit Nairobi zu erkunden. Der Weg zur Klinik jedenfalls lässt mich schon erahnen, dass wir uns hier in einer Welt befinden, die wohl sehr nachhaltigen Eindruck und Nachdenklichkeit in mir hinterlassen wird.

Ich werde also versuchen in den nächsten Tagen, diese Welt etwas greifbarer zu machen. Werde das Team vorstellen und am Ende der Woche meinen ersten Pacemaker implantieren. Wobei ich denke, ich sollte lieber bei den Fotos bleiben.

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