Eine Antwort

25 Mai 2016 / By  / IN Menschen, Orte / gallery

Montréal, meine Schöne

Mit Städten ist es ja oftmals wie mit der Liebe. Beide zeigen sich in vielen Facetten: Mal trifft dich Amors Pfeil ganz langsam, schleichend gar, mäandert in Zeitlupe durch deinen gesamten Körper und entfaltet trotzdem peu à peu seine wohltuende Wirkung. Gelegentlich manifestiert sich die Liebe aber auch ruckartig, ohne Vorwarnung und würfelt nebenbei deine so gern gepflegten Überzeugungen mit voller Wucht durcheinander. Sie überrascht dich, lässt dich die Dinge anders sehen und hat das Potential, dein Leben gehörig umzukrempeln. Liebe auf den ersten Blick sozusagen. Montréal – Du und ich, das war von Anfang an etwas ganz Besonderes.

Quasi wie die Jungfrau zum Kinde kam ich 2012 das erste Mal in die kanadische Metropole am Sankt-Lorenz-Strom. Ich musste nochmal raus aus Deutschland. Dessen war ich mir ziemlich sicher. Und da Frankreich auf meiner persönlichen Löffelliste bereits abgehakt war, sollte ein anderes frankophones Ziel ganz an die Spitze meiner Hitliste aufsteigen. Die Gelegenheit war günstig, zumal ich mich noch auf der Suche nach einer sinnvollen Nutzung meiner zwei Urlaubssemester befand. Da ich Québec qua Studium und Praktika bereits gut kannte, bewarb ich mich im Handumdrehen für ein Austauschprogramm zwischen der mehrheitlich französischsprachigen Provinz und Deutschland. Sechs Monate später wusste ich: Ich gehöre zum Kreis der Auserwählten. Nun war ich mir im Klaren, dass ich in einer Provinz, die ungefähr fünfmal so groß ist wie die Bundesrepublik, überall eingesetzt werden konnte. Auch in einem 1000-Seelen-Örtchen. Tja, es wurde Montréal und im September des gleichen Jahres wagte ich erstmals den Schritt über den großen Teich, nichtahnend, dass daraus ein dauerhaftes Abenteuer werden sollte.

Nach fast vier Jahren bin ich immer noch hier oder besser gesagt: wieder hier. Nachdem ich in 2014 für ein knappes halbes Jahr und unter anderem für meine Masterarbeit in der Stadt gewesen war, zog es mich im August des letzten Jahres erneut in die „Belle Province“. Mit einer landesweit gültigen Arbeitserlaubnis ausgestattet, stand mir freilich jede kanadische Tür sperrangelweit offen. Voller Überzeugung sah ich mich indes nur über eine bestimmte Schwelle schreiten, nämlich jene, die eine Rückkehr an die alte liebgewonnene Wirkungsstätte vorzeichnete. „Und was machst du dann da?“, „Willst du dir nicht lieber einen Job in Deutschland suchen?“, „Denk doch mal an deine Zukunft!“. So oder so ähnlich schallte es aus allen Ecken. Von ungläubigem Staunen über Gleichgültigkeit bis hin zu Zuspruch für mein Unterfangen war eigentlich alles dabei. Nix da. Schließlich bereut man im Leben nur die Dinge, die man nicht getan hat. Deshalb: One-Way-Ticket gebucht und ab dafür! Zurückkommen kann ich schließlich immer, n’est-ce pas?

Vieles fasziniert mich an meiner alten und neuen Heimat. Zuallererst diese eigentümliche Mischung aus Europa und Nordamerika. Keine andere amerikanische Großstadt ist vermutlich so nah dran an Europa wie Montréal. In erster Linie französische und europäische Einflüsse finden sich überall: Bars, die eher wie Brasserien aussehen, Bäckereien und Konditoreien, die definitiv mit jenen aus dem Mutterland rivalisieren können und Restaurants, die ein Angebot an fantastischen Leckereien für jeden Geschmack bereithalten. Die feilgebotene Küche steht hier im Übrigen exemplarisch für eine kulturelle Vielfalt; für die Mischung der Ethnien und für ein ehrliches Interesse am Neuen und Anderen. Ob urig japanisch im „Big in Japan“, indisch im „Punjab Palace“, äthiopisch im „Nil Bleu“, afghanisch im „Khyber Pass“ oder klassisch bei Smoked Meat im „Schwartz“ oder im für mich besten Poutine-Restaurant „La Banquise“. Weder in Deutschland noch während meiner Zeit in Frankreich habe ich so oft und so gut in Restaurants gegessen wie hier. Und das Erstaunliche ist: Es geht auch mit einem vergleichsweise schmalen Geldbeutel. Dazu gesellen sich amerikanische Gelassenheit, nicht selten volltätowiertes Servicepersonal sowie eine frische und experimentierfreudige Gastronomie und Kneipenkultur. Gerade mein von deutschem Bier verwöhnter Gaumen erfreut sich an dem Anblick von 35 verschiedenen Biersorten im „Saint-Bock“, der Großteil davon direkt im Lokal gebraut. Die Liste ließe sich unendlich fortführen: rustikales Ambiente im „BENELUX“, Flammkuchen und hauseigenes Hibiscus-Weizen im „Dieu du Ciel“, wo der Name des Etablissements hält, was es verspricht. Kurzum, Montréaler lieben gute Küche in guter Gesellschaft. Und gutes Bier. Halleluja!

Gerade jetzt, wo die Sonne scheint und die Temperaturen endlich konstant über 20 Grad liegen, blühen die Menschen auf. Der Winter kann hier im Zweifel sechs Monate andauern und verdammt kalt werden. An einem Wochenende im Februar hatten wir gefühlte -45 Grad und meterhohe Schneemassen. Kein Wunder also, dass alle aus ihrem Winterschlaf erwachen. Auf Saint-Denis und der Avenue Mont-Royal sprießen die Terrassen wie Pilze aus dem Boden, ganze Straßenzüge werden am Place-des-Arts oder im Gay Village für den Autoverkehr gesperrt. Geselligkeit und Aufbruchsstimmung sind mit Händen zu greifen. Zahlreiche emsige Arbeiter und freiwillige Helfer säubern die mehr als 20 großen Parks und Grünflächen. Endlich kann ich mir wieder eine Tüte „Saint-Viateur“ oder „Fairmount-Bagel“ mit einem der knapp 5000 ausleihbaren Bixi-Fahrräder holen und über das Plateau oder durch das hippe Mile-End radeln. In den nächsten Wochen stehen über einhundert Festivals ins Haus, viele von ihnen sogar kostenlos. Generell gibt es erschwingliche Live-Musik und Kultur jeglicher Couleur in tollen Sälen wie „Le Metropolis“, „Le Sala Rossa“, „Fairmount Theatre“ oder „La Tulipe“. Sonntags feiert sich das Montréaler Partyvolk von Mai bis Anfang Oktober beim ausgedehnten „Picnik Electronik“ auf der vorgelagerten Île Sainte-Hélène selbst und mit Blick auf eine atemberaubende Skyline hinein in den stimmungsvollen Sonnenuntergang. Der Sommer ist kurz, aber explodiert förmlich vor diesem geballten „Savoir-vivre“ à la Montréal!

Und dann ist da noch die Sprache. Ich werde oft gefragt, ob man hier denn unbedingt Französisch beherrschen müsste. Dazu ein treffendes Fundstück: „Montreal is an in-between land. It is a city of two tongues, two minds and two ways of life. French is the official language, but half the city speaks English. It’s like the confluence of two rivers: some of the waters blend together, but others may never mix.” Daneben gibt es insgesamt 35 andere Sprachen in der Stadt. Die zweitgrößte Gruppe der Montréaler bilden übrigens Leute wie ich, sprich Bewohner, deren Muttersprache weder Französisch noch Englisch ist, so genannte Allophone. Das ist ultraspannend und wie oft habe ich es schon erlebt, dass ich an einem Abend mindestens in drei Sprachen kommuniziert habe. Französisch im Alltag, Englisch auf Partys, ein paar Brocken Italienisch mit meinen Fußballkumpels aus Saint-Léonard und Deutsch mit Freunden und Familie. Hier habe ich das Gefühl, mich tagtäglich sprachlich auszuprobieren und neue Fertigkeiten zu entdecken. In Deutschland hätte ich Angst, dass meine Kenntnisse verkümmern. Wenn ich abends über das Plateau laufe, vorbei an den für Montréal typischen schmiedeeisernen Wendeltreppen und den zumeist kunstvoll verzierten Dachstühlen der gelegentlich etwas schiefen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert und ich dabei die Menschen reden höre, geht mir das Herz auf. Durchquere ich auf meinem Weg nach Hause den Parc Lafontaine, atme ich nicht nur den mir so vertrauten Duft der Stadt ein. Picknickende, strahlende, singende und ausgelassene Montréaler genießen nicht nur die Abendsonne, sondern transportieren auch ein ganz spezielles, für mich nicht immer in Worte zu fassendes Lebensgefühl. Auf Französisch. In einem Meer aus 350 Millionen Angloamerikanern. Faszination. Respekt. Für mich sprechen und singen sie hier das schönste Französisch auf Erden.

Ich bin weiß Gott nicht abergläubisch. Blicke ich jedoch zurück, stelle ich fest, dass ich seit meinem 19. Lebensjahr von Québec, Québecern oder Québec-Liebhabern begleitet werde. Irgendetwas gibt mir das Gefühl, dass ich mich zum jetzigen Zeitpunkt genau hier aufhalten sollte. Dass ich es zumindest versuchen sollte. Und dass ich mich hier wohl fühle. Jeden einzelnen Tag. Ob ich für immer in Montréal bleiben werde, das muss und wird die Zeit zeigen.

Doch für den Moment halte ich es wie Brolin in einem seiner Songs: „M-T-L is the place I have to be!“

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