Die gute Seite

19 Jan 2016 / By  / IN Allgemein, Menschen, Orte / gallery

Es ist jetzt genau eine Woche her. Ich bilde mir auch ein die Reise einordnen zu können. Ich habe mit sehr vielen Menschen schon über das Erlebte gesprochen. Immer versucht Fragen zu beantworten, die nicht so leicht zu beantworten sind. Was können wir noch tun? Was macht diese Reise mit dir und deinem Alltag? Kann ich das Erlebte überhaupt übertragen? Fühl ich mich so, als ob ich geholfen habe? Kommt denn Hilfe überhaupt richtig an? Dann hat sich jemand auf einen Post geäußert. Es sei zu negativ und ich würde mit einer “Alles-ist-scheiße-Einstellung-aufwachen” und den Tag dementsprechend angehen und schlussendlich bewerten. Hmm. Das hat mich nachdenklich gemacht. Letztlich habe ich nur von Tatsachen berichtet. Weder etwas zugedichtet, noch weggelassen. Aber doch ist es mir ein Anliegen, nicht nur dieses eine Szenario zu hinterlassen. Das würde nicht meiner Art des Reisens entsprechen. Deswegen habe ich den Nairobi-Text auch nicht an den Schluss gestellt. Ich will, dass etwas Positives bleibt. Es hat nämlich ganz schön gemenschelt in Nairobi. Mir kam dann die Idee das Team zu fragen, was sie über Kenia denken? Was sie mit dem Land verbinden? Oder welcher erste Gedanke ihnen bei Kenia in den Sinn kommt. Von traumhaft über lebhaft. Schlicht. Wild. Wahnsinnig schöne und vielfältige Natur. Tolle Menschen. Neue Welt. Fremde Welt. Leidenschaftlich. Verrückt. Lustig. Gastfreundlich. Und es sei sogar das beste Land der Welt. Ein Mix. Egal, wen ich gefragt habe. Die Augen haben geleuchtet. Manche habe ich es gar nicht erst aussprechen lassen. Manchmal sieht man es den Leuten an, was sie denken.

Nun will ich aber nochmal kurz sachlich werden. Insgesamt wurden in den letzten 7 Jahren mehr als 220 Schrittmacher eingesetzt. “Von den Anfängen bis heute, sei eine Menge verändert und verbessert worden!”, sagt mir Dr. Sergio Richter. Seine Augen leuchten. Stolz sind Sie nämlich auf das, was hier geleistet wurde. Zurecht. Julia, Projektmanagerin “Herzschrittmacher für Ostafrika e.V.”, erzählt mir, wie schwer es ist, jedes Jahr die ganzen Gelder zusammen zu bekommen. Bisher hat es irgendwie immer geklappt. Ich bin erstaunt, welches Engagement hier reingesteckt wird. Andreas sagt zu mir im Durchgangsraum zum OP: “Es ist nicht immer ganz einfach, die Arbeitsweise hier zu optimieren und effizienter zu gestalten. Da prallen Welten aufeinander!”. Der 2-Meter-Mann zwinkert mir zu und zieht seinen Mundschutz hoch als würde er sich nun in den nächste Schlacht stürzen. Immer weiter.

Am Ende steht die ganze Band im Essensraum. Trotz aller Umstände, Schwierigkeiten und auch Missverständnisse ist hier über Jahre etwas zusammen gewachsen. Das merkt man dieser Woche auch an. Bevor wir uns verabschieden sammelt Ruth, die kenianische Projektkoordinatorin, das gesamte Team zusammen: Sergio. Dr. Bukachi. Dr. Chikura. Francis. Carsten. Logedi. Julia. Chitira. Jens. Karanja. Mehdi. Suzi. Alex. Rosemary. John. Andreas. Anne. Katrin. Sie singt und betet. Sie wünscht uns eine gute Heimreise und bedankt sich. Gruppenbild gemacht und dann ist es vorbei.

In meinen Notizen habe ich die Sätze entdeckt, die ich unmittelbar nach Abflug aus Nairobi geschrieben habe. Ich finde Sie immernoch treffend: “Liebes Kenia, was hast du alles mit dem, ach so schlauen, Robert angestellt. Du hast den Hutmann samt Hut und Kamera in die Schleuder gesteckt und auf den Boden der Tatsachen geholt. Hast all deine Seiten beim ersten Date gezeigt. Ganz nach dem Motto “So wie ich bin oder gar nicht!” Jede negative und positive Facette. Legendäre Taxifahrten. Coole Abende in deinen Kneipen. Manchmal verwirrendes Sprachgewirr. Die Härte der Straßen von Nairobi. Chaos und Bürokratie. Vielleicht manchmal zu oft in verdrehten Rollen. Hast mir gezeigt, wie unendlich lang afrikanische Folklore sein kann. Ich bin dafür sehr dankbar. Das ist einfach die ehrlichste Form des Kennenlernens. Ich habe Leute getroffen, die sich selbst als die entscheidende Generation sieht und scheinbar in den Startlöchern steht. Die wollen anpacken. Wenn man dem deutschen Team so zuhört, während sie Dinge aufzählen, die schon wesentlich besser geworden oder neu sind, spürt man, dass es wirklich so sein könnte. Vielleicht ist es so wie bei einem Kind, was kurz davor ist das Haus endgültig zu verlassen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Es zumindest mal zu versuchen. Das muss man Kenia auch zugestehen. Darum möchte ich gern nächstes Jahr zurückkommen. Deine Geschichte weiter erzählen. Ich möchte gern erzählen, dass sich etwas verändert hat. Ein kleines Stück in die Richtung, die für dich gut ist. Danke, dass wir da sein durften. Aber die Nummer mit der Tasche sparen wir uns nächstes Jahr bitte!”

 

 

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