Der Diebstahl

06 Jan 2016 / By  / IN Orte / gallery

Die Geschichte des Jahres ist bereits am zweiten Tag passiert. Nach den ersten OP´s und ein paar Abfragen von älteren Schrittmachern, habe ich mir zunächst einen Traum erfüllt. Aus dem Behandlungszimmer in den Wartebereich rein und Patienten ausrufen. Herrlich. Ich halte einen blauen Papierfetzen in der Hand. Das soll der Ausweis von Geoffrey sein. Er grinst mich an mit seinen schneeweißen Zähnen und bedankt sich schonmal bei mir. Ich habe zwar nichts weiter gemacht aber ich nehme den Dank an.

„Lass uns doch danach mal eine Runde drehen und Luftballons auf der Kinderstation verteilen.“ Gute Idee. Noch! Wir sitzen gemütlich und entspannt in der Station. Beobachten, wie Babys auf dem Empfangstisch gewogen und gemessen werden. Das sieht aus wie Obstwiegen. Eine ältere Dame fragt mich nach ein paar Luftballons. Ich gehe zu ihr und spreche mit ihr und stelle kurz meine Tasche neben mich. Sie zeigt mir ihre Kinder und erklärt mir ihre Lebensgeschichte.  „Robert?“ Ich schaue zu Alex und signalisiere ihm, dass ich gleich fertig bin und wir gehen können. Ich will nach meiner Tasche greifen. Sie ist weg. Meine Fototasche (Laptop, Objektive, erste und zweite Kamera, die Rohdaten, Geldbörse) ist weg. Weg. Geklaut und Tschüss. Panisch rufe ich zu Alex, dass wir rennen müssen. Ungläubig schaut er mich an und wir vergewissern uns, dass Sie auch wirklich weg ist. Sie ist es. Mit einem Adrenalinschub im Körper renne ich durch die Klinik nach draußen. Instinktiv sprinte ich Richtung Busbahnhof. Weit kann der Dieb nicht sein. Alle Fragen mich was los sei, ich rufe immer nur, dass meine Tasche geklaut wurde. Auf der anderen Seite vom Busbahnhof sehe ich die Dame, die eben neben mir stand. Sie sitzt auf einem Motorradtaxi. Mein Bauchgefühl schreit mich an.

Das ist SIE.

Ich renne ohne zu schauen über die Straße. Nebenbei gesagt ist das nicht ungefährlich in Kenia. Ich stehe vor ihr. Der Jedi Ritter und der Sith Lord. Ich sage zu ihr: „Du hast meine Tasche. Du hast Sie.“ Doch bevor ich näher kommen konnte, fährt das Moped los. Ich drehe durch. Das ist ein schlechter Film. Die Hände über den Kopf schlagend versuche ich mich zu konzentrieren was ich jetzt machen soll. Instinktiv greife ich aber zu meinem Telefon und lass die Kreditkarte sperren. In der Zwischenzeit hat das ganze Treiben hier natürlich die Runde gemacht und der halbe Krankenhausvorplatz inklusive Sicherheitsdienst versammelt sich um uns. Genervt gehen wir erstmal wieder rein. Keine Ahnung warum aber wir gehen wieder rein. Ähnlich wie bei Forrest Gump begleiten mich gefühlt 100 Menschen. Der Sicherheitstyp quatscht uns die ganze Zeit voll. Sein schlechtes Englisch mischt er noch mit jeder Menge Suaheli. Alex spitzt etwas mehr die Ohren und hört heraus, dass wir mit ihm zur Polizei gehen sollten. Hier im Gebäude. Mittlerweile sind mehr als 20 Minuten vergangen seit dem Diebstahl. In meinem Kopf ist es nur leer. Die Polizisten sind entspannt und telefonieren kurz. Ich soll mitkommen. Sicherheitstyp. Polizisten. Alex. Dazu noch halb Nairobi. Wir sind jetzt auf dem Weg zu der Motorradtaxistelle. Ein riesiges durcheinander. Es bringt doch nichts. Lasst es gut sein.

Plötzlich ruft jemand aus der Menge: „Die Tasche ist wieder da!“

WAS???

Ich zu Alex. Alex zu mir. Wir in die Runde. Der ganze Tross geht jetzt wieder in Richtung Krankenhaus. Von rechts kommen zwei Dudes an. Zwei Motorradfahrer. Ein Riese und sein Kumpel. Über der Schulter des Riesen hängt meine verdammte Tasche. Mir fehlen die Worte. Ich nehme die Tasche und rechne eigentlich damit, dass Sie leer ist. Ist Sie nicht. Lediglich das Geld ist raus. Das verdammte Scheißgeld. Sie hätte mich danach fragen sollen! Händeschütteln und natürlich noch ein kleiner Finderlohn für die Beiden.

So langsam nehme ich auch wieder meine Umwelt war. Jeder hat jetzt auf einmal gesehen wer es war. Wie es passiert ist und das er bei der Suche geholfen hat. Wir versuchen noch rauszufinden, wie die Tasche zurückgekommen ist. Das oben erwähnte Telefonat der Polizei ging an die Motorradfahrer. Die sollen einen Rundfunk machen, dass einer von Ihnen einen Dieb transportiert. Die beiden Dudes haben daraufhin den Fahrer ausfindig gemacht und die Tasche der Lady abgenommen. Nachdem wir uns bei ganz Nairobi bedankt haben, nimmt der Sicherheitsmann auf seinem Zettel unsere Angaben auf. Ok ich habe einen Fehler gemacht und für eine kleine Sekunde meine Tasche aus den Augen gelassen. Sie stand zwar direkt an meinen Beinen aber in der Hektik auf der Station…Naja der Rest ist Geschichte. Warum hat Sie das eigentlich gemacht. Warum müssen Menschen in Krankenhäuser gehen und andere Menschen beklauen. Das tut mir irgendwie in der Seele weh. Allerdings bleibt auch hängen, dass alle Menschen Anteil genommen haben und sich mit mir freuen, dass es gut ausgegangen ist. So sind Sie nämlich die Kenianer. Kurz skeptisch und am Ende so sehr herzlich und ehrlich. Den Eindruck behalte ich. Dir liebe Diebin wünsche ich, dass dir etwas Gutes passiert. Ich hoffe, dass du es nie wieder nötig hast zu stehlen. Du bist doch bestimmt mit ziemlicher Sicherheit ein guter Mensch. Das habe ich in deinen Augen gesehen, als du auf dem Motorrad warst und mich erkannt hast. Die Macht wird mit dir sein.

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