Da stellt sich mir eine Frage

20 Mai 2016 / By  / IN Allgemein, Orte / gallery

10 Tage Kanada. Ich gebe zu, ich habe das Land etwas unterschätzt. Besser gesagt, ich habe es sehr unterschätzt. „Das ist bestimmt so ein bisschen USA light. Mag ich. Aber was soll schon groß kommen?“, höre ich mich sagen. Strehler, du alter Hammel. Nicht so schnell urteilen. Wart es doch erstmal ab. Wir sind mittags um 12.00 Uhr in Montreal gelandet. Der Flughafen sieht irgendwie Neunziger aus. Aber das stört mich nicht. Das Ziel ist eh ein anderes. Ein spezielles. Christoph. Schul-, Jugend- und Erwachsenenfreund. Lebt mit ein paar Unterbrechungen schon seit einiger Zeit hier. Und er möchte gern hier bleiben. So richtig will ich das nicht begreifen. Also Sachen gepackt und in 7800 km Entfernung versucht die Antwort zu finden. Wir sind alle ein bisschen aufgeregt. Das merkt man den ersten Gesprächen an. Wir haben uns lang nicht gesehen. Und nun wissen wir, dass die nächsten 10 Tage sehr viel mit sich bringen werden. Es wird ein Mix aus Mist quatschen, Lachen, Schweigen, ernste Gespräche und Ferienlagerstimmung. Wir checken erstmal ein und machen die erste Bierdose auf. Ankommen. Lustigerweise ging das extrem schnell. Bekanntes Gesicht am Flughafen. Sehr netter Busfahrer. Sehr netter Busmitfahrer und eine sehr herzliche Airbnb-Umarmung. Innerhalb einer Stunde. Gefühlsachterbahn-Status: On! Nachdem das Begrüßungsbier standesgemäß mit einem Zweiten gefeiert wurde, geht es ins „Schwartz´s“. Ein musst-du-drin-gewesen-sein-und-smoked-meat-gegessen-haben-Restaurant/Diner/Imbiss. Egal, was es ist. Es ist geil. Es gehört Celine Dion.  Fleisch und Brot. Rindfleisch. Geräuchert. Dazu eine hausgeerntete Gurke. Senf aufs Brot und her mit den hauchdünnen rosa Rinderstreifen. Ich bin nach einer Stunde schon im Himmel. Hach! Lassen wir das. Abends gehen wir dann noch zum Chinamann um die Ecke und lernen ein paar Freunde kennen. Sorry Leute aber der Jetlag hatte uns am Tisch voll erwischt. Wie alte Leute sind uns die Augen zu gefallen. Feierabend Bier auf der Saint-Laurent. Schlafen.

Wir bekommen eine mehrtägige, ausführliche und spannende Tour durch die lässige Stadt Montreal. Die orthodoxen Juden in ihrem Viertel, die Hipster, die Künstler, das olympische Dorf, das indisch-pakistanische Montreal. Die Altstadt. Der Hafen. Die zwei Straßen, die sich Chinatown nennen. Die U-Bahn. Die Formel 1 Strecke. Das verdammte Hammerwetter (das wird sich noch ändern). Die Boulevards und Rues und eigentlich generell überhaupt. Dann klettern wir  auf den Mont Royal. Achja. Wo wir gerade beim Klettern sind. Montreal klettert gerade auf meiner Stadt-Hitliste gefährlich Richtung Treppchen. Deutet sich da etwa eine Ohrfeige für zu schnelles Urteilen an? Christoph führt uns nicht nur rum. Er zeigt uns seine Welt. Sehenswürdigkeiten werden hier zwar erwähnt aber sind eigentlich nur dazu da, um da zu sein. Wir sitzen in Bars, Cafés und Restaurants. Auf Terrassen. In der Sonne. Fahren Rad und Bahn. Laufen uns die Hacken krümelig. Ich bemerke so nach und nach, dass hier nicht der zugereiste Dresdner spricht, sondern jemand, der hier Lunte gerochen hat. Ich beiß mir auf die Zunge. Noch will ich es beobachten. Zu schnelles Urteil und so…Das hebe ich mir auf. Und wie so oft wird auch diesmal mein Bauchgefühl der Vorhand-Winner in diesem „Robert-macht-sich-Gedanken-Spiel“ sein. Der Reihe nach. Beschäftigen wir uns ertsmal noch mit der Stadt. Die hat schon dieses Gewisse etwas. Diesen Drive. Diese Atmosphäre. Das ist ein Mix aus vielen Dingen, die mir gefallen. Herrlich bunte Leute. Aus allen Schichten und Bewegungen. Die kleinen Brauereien (ganz wichtiger Punkt, denn da sind wir Deutsche ja eh die selbsternannten Biertester). Das unkomplizierte Bixi-Fahrrad ausleihen (zu dem Thema sollte man demnächst mal auf www.werideleipzig.com schauen). Die Schönheit der Stadt. Die grünen Straßen. Die Parks. Die Radwege. Immer wieder bemerkt man aber dieses Glitzern in Christoph´s Augen. Wie ein verdammter Local watschelt er mit uns durch die Stadt. Diese Selbstsicherheit, wenn man irgendwo angekommen ist. Ich fange an, dass bei ihm zu realisieren.

Neben Montreal haben wir ja nich den ultimativen Masterplan. Wir folgen dem Sankt-Lorenz-Strom Richtung Norden. Wir machen Städtverkleinerung. Montreal. Quebec. Baie-Saint-Paul. Tadoussac. Wald bei Sacre Coeur. In Einwohnern: 1,6 Millionen. 500.000. 7.300. 813. 2. Unser Ziel ist eine abgelegene Jurte irgendwo am Saguenay Fjord. Mal schauen, ob es unsere Sinne schärft. So ein bisschen Natur kann ja nie schaden um zur Ruhe zu kommen. Ich kann nur soviel sagen…ich habe lange nicht so oft „Wahnsinn, abgefahren oder ohne Worte!“ gesagt. Kann ja keiner ahnen, dass es SO ein unfassbar schönes Land ist. Doch dazu mehr in zweiten Teil.

Nochmal zum Anfang. Irgendwie bleibe ich bei einer Frage hängen, die ich nicht so leicht beantworten kann: Welche Kraft kann eine Stadt ausüben, dich so zu fesseln, wo du doch deine Heimat so sehr schätzt? Oder anders gefragt: Wann genau hast du dich in Montreal verliebt?

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