Am Strom

01 Jun 2016 / By  / IN Orte, Über mich / gallery

„Oh, Robert and friends! Nice to meet you. What are you going to?“, sagt der sehr freundliche Hostelmann zu uns. Wir erklären ihm, dass wir weiter Richtung Norden wollen. Quebec-City ist wirklich sehr schön und anschaulich aber uns zieht es dennoch schnell weiter in die kanadische Landschaft. Wir wollen den Sankt-Lorenz-Strom entlang nach Tadoussac bzw. nach Sacré Coeur. „Sehr gute Wahl. Da wollen im Moment sehr viele hin. Wetterprognose ist zwar mäßig aber gut“, entgegnet er uns. Obwohl er durchaus mit Christoph Französisch sprechen könnte, bleibt er beim Englisch. Wir nehmen dankend an. Er empfiehlt uns eine Route, die oberhalb der Schnellstraße verläuft. Wir hatten zwar einen etwas anderen Plan aber man muss manchmal den Leuten auch ein wenig vertrauen. Wir verabschieden uns und machen uns auf den Weg nach Baie-Saint-Paul. Ein kleines Örtchen in einer angeblich sehr schönen Bucht des Stroms. Der Tipp sollte sich als perfekt herausstellen. Erst der Wasserfall. Dann Wälder, Hügel und Berge. Immer mal wieder kleine Einfamilienhausdörfer. Direkt an die Straße gebaut. Dahinter: Nichts. Mit jedem Kilometer Richtung Norden nehmen diese Stille und Hausabstände zu. Die Zeit vergeht hier etwas langsamer und wir hören uns öfter sagen: „Irgendwie ist die Welt hier noch in Ordnung.“ Unser Ziel in Baie-Saint-Paul ist ein kleines Motel (Ja, es gibt diese Dinger aus dem Film wirklich.) und der kleine (scheinbar auch einzige) Badestrand des Flusses. Aber erstmal ankommen. Das herrlich sympathische, belgische Ehepaar tauscht mit uns ein paar Floskeln und den Wetterbericht aus. Dann gehts ab in das Zimmer 4. Hellblaues Bad und rosa gestrichenes Schlaf-Wohn-Flur-Zimmer. Parkplatz davor. Perfekt. Reicht uns. Die Restaurantempfehlung hören wir hier am Tresen zum 2. Mal und werden dieser dann am Ende auch nachgehen. Auch hier. 10 von 10 Punkten. Mein Fluchen über den Beschiss an der Jukebox in der Dorfdisko machen wir mit einem Feierabendbier im Motel wett.

Am nächsten Morgen scheint dann doch tatsächlich die Sonne in unser rosafarbenes Idyll. Ein bisschen Frühstück geholt und ab an den Strand. Was wir nicht wussten, dass der Fluss hier enormen Wettereinfluss hat. Über dem Wasser (sieht eigentlich eher aus wie am Meer) braut sich eine riesige Wolke zusammen, die direkt über dem Boden ins Landesinnere zieht. Kalte, fast nasse Luft. Beeindruckend. Was wir darüber hinaus auch nicht so richtig wussten, dass wir die nächsten zwei Stunden Richtung Tadoussac immer wieder in diese Wolke eintauchen und auftauchen werden. Quasi der perfekte Sonne-Wolken-Mix. Wir müssen unsere Gespräche im Auto immer mal wieder abbrechen, weil wir so baff sind. Du schöne Welt.

In Tadoussac angekommen machen wir uns auf den Weg zu unserer Jurte. Die Vermierterin wohnt zeitweise im Jahr hier oben in dieser Gegend. Flüchtet eigentlich immer nur vor dem Wetter. „Lasst das Auto hier stehen und packt euer Gepäck auf den Hänger. Eure Unterkunft ist dahinten im Wald.“ Ohne ein Wort steigt in uns die Vorfreude auf und wir grinsen vor uns hin. Der Blick. Dieses Rundzelt. Die Fahrt hierher. Irgendwie erreicht mich dieses Gefühl, dass ich es mir genauso gewünscht habe. Wir kochen. Versorgen uns selbst mit Wärme und Energie. Kein Internet. Kein Handy. Wie wäre das, wenn man hier länger bleiben könnte? Da sich Sarah zum Kochen erklärt hat, gab es auch kaum Widerstand. Kümmerten wir uns um das Feuer und sinnierten etwas über verschiedene Themen. Welche Verpflichtung hat man? Wann muss man dieser nachgehen und wann nicht? Welche Faktoren sind einem eigentlich wichtig in Bezug auf seinen Lebensort? Wer bestimmt diese? Bestimmen wir es immer selbst? Einige unserer Antworten sind zum Teil logisch und zum Teil auch nachdenklich. Fest steht, dass man sich wohl fühlen muss und sich irgendwie frei fühlt. Eine Perspektive haben heißt in unserer Gesellschaft oft nur, dass man nur eine berufliche Richtung hat und die einen weiter bringt. Aber das reicht mir nicht. Wir wollen Zeit haben, genau an solchen unfassbar schönen Orten zu sitzen und sich Gedanken darüber zu machen. Gedanken über Themen, die man oft in seiner Alltagsgeschwindigkeit nur anschneidet oder ganz liegen lässt. Viele reden immer von diesem sich erden und sich Zeit für sich zu nehmen. Diese Entschleunigung in Kanada bewirkt eben auch genau das. Für mich steht schon fest, dass ich diese Gelassenheit etwas mehr in den Alltag einbauen möchte. Das ist nämlich nochmal eine andere als in Thailand. Hier wirkt es konzentrierter, europäischer und an manchen Stellen viel freier und wilder. Das ist schwer zu greifen aber wir genießen es. Am Ende reden wir auch über Freundschaft und was die Entfernung mit eben dieser auch macht. Ein langer Abend mit Pausen. Mit unserem Feuerchen. Dem sehr guten Essen und einer sehr ruhigen Nacht in unserer Jurte. Die Bären waren schon vor drei Wochen hier. Scheint hier normal zu sein. Wir brauchen keine Angst haben wird uns versichert. Leider müssen wir doch eher abreisen, da ein Wintereinbruch droht. Nur kurzzeitig aber wir sind eben am Sankt-Lorenz-Strom. Es ist eine Ader die durch diese Gegend strömt und nicht nur Einfluss auf die Natur nimmt. Mich hat er beeindruckt und lässt mich so schnell wohl auch nicht wieder los. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommen wir hierher zurück und werden noch weiter nach Norden reisen. Da hört dann irgendwie die Straße einfach auf…klingt perfekt.

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